Sonntag, 20. Juli 2014

Wandertag

Liebe Leser
Wer von euch Wandern geht, kennt vielleicht das Gefühl, wenn man nach einer langen Tour wieder zu Hause ankommt: "Nie wieder wandern. Das war heute das letzte Mal!" Und dann, noch wenn Stadium 1 (Knochen tun weh, Muskelkater, Müdigkeit...) auf dem Höhepunkt ist, was meist am nächsten Tag der Fall ist, werden die Wanderkarten rausgeholt und die nächste Tour geplant.
Ich befinde mich im Moment noch in Stadium 1. Vorgestern hatte ich von meinen Bedenken gegen eine Grand-Canyon-Wanderung geschrieben und das Vorhaben eigentlich schon abgesagt. Doch danach gab es doch ein paar Pro-Punkte auf meiner "Abwägungsliste". Zum Beispiel der Post von meinem Bruder Sebastian.

Von hier etwa beginnt die Wandertour: Der OOH-AAH-Point.
Der Name ist doch selbsterklärend, oder? 

Dann war ich am Freitag nachmittag mal dort, um die Lage zu peilen. Vor der Einfahrt in den Nationalpark hatte ich sogar einen Abstecher zum Flugplatz gemacht und mich erkundigt, was ein Helicopter-Rundflug kostet und ich hatte die Kreditkarte schon in der Hand, doch der nächste verfügbare Sitzplatz war erst in 2 Stunden zu haben. Danach war ich am Rand - rim - des Grand Canyons und beim Runterschauen kam mir so der Gedanke "Das kann eigentlich nicht sein, dass ich mir das vornehme, teure Schuhe kaufe usw. und nachher findet das nicht statt." Also habe ich eine weitere Nacht hier in der Nähe gebucht und am Abend im Hotel in Flagstaff alles klar gemacht, damit am frühen Samstagmorgen eine reibungslose Abreise möglich wurde. Um 5.30 Uhr war ich dann auf dem Shuttlebus-Parkplatz im Grand Canyon und hab dort gleich einen Amerikaner kennengelernt, der ebenfalls loswollte, wenn auch nur ein kleines Stück des Weges (bis zum Skeleton Point). Irgendwie trauen die Amis einem anderen und sich selbst eine lange Tour nicht zu, denn dieser guy hat nur grosse Augen gemacht und war doch sehr skeptisch obwohl er selbst passionierter Wüstenwanderer ist. Wahrscheinlich hat er sich in dem Moment gedacht "Jaja, das sind die deutschen Jungs, so haben sie auch die WM gewonnen..." Aber das ist meine Phantasie, nachdem wir schon ausgiebig über Fussball gesprochen hatten.
Mein Plan für heute war: auf dem South Kaibab Trail hinunter und dem Bright Angel Trail wieder hoch. Wird von den Rangern abgeraten und überhaupt, jedes Jahr müssen soundsoviel Menschen gerettet werden, einige davon in Plastiksäcken mit Reissverschluss.

Leider gibt es kein Höhenprofil,
deshalb hab ich schnell selbst eins
gemacht. :)
Den Landkarten mit Zeitangaben, die im Park kostenlos verteilt werden, kann man allerdings nicht durchweg trauen. Der erste Abschnitt der Tour bis zum Skeleton Point brauchte abwärts eine Stunde und zurück schätze ich mal zwei Stunden. Auf der Karte stand die Strecke mit 6-9 Stunden Wanderzeit... Solche Abweichungen machen natürlich Mut, die ganze Runde auszuprobieren, auch wenn davon abgeraten wird. Terry, mein amerikanischer Begleiter ist dann auch umgekehrt, um zum Frühstück mit der Familie wieder auf dem Campingplatz zu sein. Ab jetzt war ich somit allein unterwegs, abgesehen von einer Reihe anderer Wanderer, die entweder auch runter wollten oder schon wieder am Aufstieg waren.
Um es etwas abzukürzen, erspare ich mir an dieser Stelle die Schilderung der wunderbaren Aussichten dieses Naturwunders. Kurz gesagt: Nach dem Start um 6 Uhr war ich gegen 9 Uhr am Colorado River, etwa 1400 Meter tiefer gelegen. Um 10 Uhr habe ich von dort den Aufstieg begonnen und war um 17.10 Uhr wieder oben. Somit also reine Wanderzeit etwa 11 Stunden. Andere machen das sicher in kürzerer Zeit (zum Beispiel die Jogger, die mir entgegengekommen sind...). Aber ich war sehr zufrieden mit mir und dem Tag.

Über zwei Brücken musst du gehen... Zuerst über die Black Bridge.

Der Colorado River bei der Arbeit. Der Fluss hat eine so grosse
Erosionskraft, dass er nach nur ein paar Millionen Jahren
fertig war mit dem Grand Canyon in seiner heutigen Form.
Er könnte noch 600 Meter schaffen, aber der Mensch verwehrt ihm das.

Ein paar Randbemerkungen noch: Man merkt genau, wann man es mit Wanderern (hiker) zu tun hat und wann mit Touristen. Grundsätzlich trifft man die Hiker in den tieferen Regionen an und alle Hiker grüssen einander und mit den meisten kommt man auch ins Gespräch. Die Touristen starren einfach nur geradeaus und laufen grusslos vorbei. Diese trifft man im oberen Bereich an und ich glaube, die denken: wir machen mal schnell ein paar Schritte in den Canyon und spazieren dann wieder nach oben... Einige von denen haben sicher schwer geatmet beim Rückzug. Und einer hat mich sogar, als ich schon 6 Stunden am Aufstieg war, also gegen 16 Uhr, gefragt, ob es auf dem Weg zum Fluss ein Hotel oder ein Restaurant gibt... Ich glaube, viele Touris sehen den Grand Canyon als so eine Art Vergnügungspark an und vergessen, dass die Umwelt hier eigentlich lebensfeindlich ist. Wenn ich so sehe, wie manche an der Kante herumturnen, auf den Felsen rumklettern, wo es einen Schritt weiter 500 Meter abwärts geht... Da gehe ich immer ganz schnell weiter, denn ich will nicht noch als Unfallzeuge zur Polizei müssen. Überhaupt: die Touristen: wie man auf die Idee kommt, eine Wanderung in Flipflops zu starten... keine Ahnung. Wahrscheinlich sind das die Leute, die nachher gerettet werden müssen oder tot sind.

Aufstieg auf dem Bright Angel Trail

Eine andere Sache ist die: wenn ich mit den Leute ins Gespräch kam, ist irgendwann die Frage fällig, woher man kommt. Und wenn ich dann sage, from Germany, folgte bisher jedes Mal ein "Congratulations" für die gewonnene WM. Unabhängig von der Nationalität. Ich habe mit Amerikanern, Belgiern, Niederländern (!), Mexikanern usw. gesprochen. Das macht doch Spass, oder?
Wie gesagt, ca. 17 Uhr habe ich mit einem wunderbaren Gefühl die letzten Schritte aus dem Canyon raus getan und bin jetzt sehr zufrieden mit mir und freue mich, dass ich mich doch noch entschlossen habe, die Tour zu unternehmen. Morgen werde ich alle Knochen und Muskeln spüren, aber egal. Es sind zwei Ruhetage in Las Vegas angesetzt und die werde ich geniessen.

Wer mehr über den Grand Canyon und seine einzigartige Bedeutung wissen möchte, sollte die Wikipedia-Artikel lesen: Allgemeiner Artikel hier und etwas spezieller hier. Auch für Nicht-Geologen eine gute Information, die auch deutlich macht, warum dieses wunderbare Stück Natur UNESCO-Naturerbe ist.

In Las Vegas war ich schon mehrmals, daher gibts vielleicht nicht so viel neues von dort zu berichten. Die früheren Blogeinträge finden sich hier von 2010 und hier von 2012.




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