Mittwoch, 4. August 2010

Crazy Crazy Crazy American Girl

Viel Arbeit für die einen, viel Spaß für die anderen. Mark musste immer noch für die Sicherheit des "Gathering the Vibes Festival" arbeiten (50 Überstunden in einer 7-Tage-Woche...), dass hieß für mich: Girls Day am Samstag auf eben diesem Festival im Seaside Park Bridgeport, Connecticut. Girls Day heißt: Mittags starten mit Marks Frau, ein paar Runden auf dem Festival-Gelände abdrehen nach Blechung des saftigen Eintrittspreises und Durchwanderung eines irren-verwirrenden Weges zur Kasse, zurück zum Schlangenende, wieder vor bis ran zur Kasse, Empfangen des Armbandes, zurück zum Sicherheits-Check… Dann die restlichen Girls treffen, die irgendwie alle was mit der Polizei zu tun haben. Entweder ist der Mann Polizist oder der Freund oder der Ex und während die alle zu tun haben, können sich die Frauen auf dem Hippie-Festival vergnügen, gemeinsam mit 25.000 anderen Leuten an diesem Nachmittag und Abend. Das Festivalgelände beherbergt zwei Bühnen, mehrere Camping-Plätze, einen großen "Fressmarkt" und einen "Markt der Möglichkeiten" – nenne ich es mal, wobei aber die Hauptbühne DER große Anziehungspunkt sein dürfte. Hier, im Inneren des Geländes, nochmals zur Sicherheit abgetrennt und mit Drogenkontrollen spielen die Bands ihre Musik: Grateful Death und alles, was Hippie-mäßig ist. Und entsprechend sehen hier auch die Zuschauer aus: Jungs und Mädchen mit Hula-Hup-Reifen und anderen Artistik-Geräten, bunt gekleidet mit irrsinnigen Hüten, Federn am Kopf, Riesensonnenbrillen und so weiter. Dann die Mittelalterlichen, also so Leute wie ich, die relativ normal gekleidet sind. Mir fehlen bloß immer die passenden T-Shirts mit dummen Sprüchen drauf (z.B. "Idaho - No, Udaho"). Dann gibt es die Alten, die wissen, dass sie alt sind und sich auch so verhalten. Und als extremste Gruppe - wie ich finde - gibt es die Alt-Hippies. Die haben irgendwie die Zeit verpennt, denken, sie sind immer noch 20 und kleiden sich so ein, dabei sind mittlerweile 40 Jahre vergangen. Diese Leute sehen am witzigsten aus: Riesenketten, komische Behänge, komische Hüte - einfach köstlich.

So laufen hier die Mädels rum...

Stundenlang konnte man da zuschauen und die Leute an sich vorbeiziehen lassen. Und das alles etwas durcheinander, aber doch geordnet. In der "Restroom World" stehen alle Hippies brav Schlange, was sich in den Kabinen abspielt, möchte ich lieber nicht ganz so genau wissen. Der Geruch stammt ganz sicher nicht von Kacke und auch nicht von normalem Tabak. Für die speziellen Gäste, d.h. für die, die sich über den ohnehin schon saftigen Eintritt von $ 90 hinaus noch den VIP-Status kaufen können, gibt es ein spezielles VIP-Zelt. Ich habe es insgeheim "Guantanamo" getauft: Abgetrennt durch einen Doppelzaun mit Wachen dazwischen, Zugang über ein großes Maschendraht-Tor, an dem weitere Wachen stehen... Wer hier sitzt, verpasst das Beste aus der Nähe. Einziger Vorteil: man hat von hier direkten Zugang zur Hauptbühne und darf direkt an der Kante stehen.

Guantanamo - hier geht's in den VIP-Bereich rein.

Auf der Bühne läuft das Programm auf den nächtlichen Höhepunkt zu: geile Musik (besonders dieser Schwarze mit der Posaune - der konnte spielen, zusammen mit der ganzen Band). Inzwischen haben wir auch die Girls an der Strandpromenade getroffen, die es sich dort bereits mit mitgebrachten Drinks bequem und lustig gemacht haben. Die Stimmung steigt mit jedem weiteren Becher. Überhaupt ist der Alkoholkonsum exorbitant. Das Bier fließt in Strömen. Alkohol, die einzige Droge, die hier legal zu haben ist. Dafür braucht es nur Geld und die Age verification, die beim erstmaligen Betreten eines Bierzeltes an das Handgelenk geklebt wird. Irgendwo mittendrin haben wir uns niedergelassen, Blick auf die Hauptbühne, Hippies überall und die Girls ganz so, wie es ein Europäer von amerikanischen Frauen erwartet: irgendwie schrill, crazy, etwas zu viel Alkohol, ein wenig zu laut. Aber letzteres sei entschuldigt, denn inzwischen spielt die nächste Band mit Perfomance auf und ich habe mich nochmal durch das dichte Gedränge zur Bühne durchgeschlagen, um das aus der Nähe zu sehen. Irgendwann in dieser Zeit muss wohl eine der Frauen bei Mark angerufen und berichtet haben, ich sei verlorengegangen. Absoluter Unsinn, aber ausreichend, um bei ihm die Stimmung auf den Tiefpunkt zu senken. Das ganze Festival - ich glaube, er hat es gehaßt: zu viele Drogen, zu viele Verrückte, zu viele Diebstähle und Schlimmeres in den Vorjahren, aber die Bilanz von diesem Jahr sieht wohl ganz gut aus: weniger von allem Schlechten und ich muss sagen, ich habe mich zu keinem Zeitpunkt unsicher gefühlt. Dummerweise waren gerade zu diesem Zeitpunkt 4 Speicherkarten mit jeweils 2 Gigabyte gefüllt und an Nachschub nicht zu denken, und überhaupt war Abschiedszeit gekommen, zumindest, was das Festival betraf.

Auf der Nebenbühne ging es etwas beschaulicher zu.

Der nächste Tag sollte nochmal der City gewidmet werden, aber das habe ich gestrichen. Ausruhen und Saubermachen war angesagt. So gab es also nur noch einen kurzen Ausflug (Amerika - kurz = 90 Meilen hin und 90 Meilen zurück) nach Mystic und das war‘s. Jetzt sitze ich auf dem Flughafen John F. Kennedy und warte auf den Rückflug nach Deutschland, der mit 3 Stunden Verspätung vielleicht starten wird.

Ist Amerika immer noch schön? Natürlich. Haben sie nicht auch ein paar Probleme? Natürlich auch. Sehr große sogar:
  • ein irrsinniger, kaum zu glaubender Verbrauch von Ressourcen
  • eine Millionen Mitglieder zählende Bande von Nichtskönnern auf der Straße, die die wenigen vernünftigen Autofahrer behindern und gefährden mit Autos, für die in Deutschland entweder ein Lkw-Führerschein nötig ist oder die niemals irgendeine TÜV-Plakette erhalten würden (z.B. weil ein Scheinwerfer freischwebend mit Bändern befestigt ist, weil der Rost alleine ihn nicht mehr hält…)
  • ein politisches System aus dem 18. Jahrhundert, das dringend eine Reform benötigte, die aber niemals kommen wird und die überhaupt alle notwendigen Veränderung lähmt.
Die Aufzählung könnte noch ein wenig weitergehen. Aber irgendwie haben sie es doch zu etwas gebracht, das kann man nicht von der Hand weisen und sie haben Sehenswürdigkeiten, Landschaften, Museen, Universitäten, Städte, die Ihresgleichen auf der Welt suchen und die gefüllt sind mit einer unglaublichen Menge von unterschiedlichsten, zumeist freundlichen Leuten. Und es hat durchaus auch sympathisch Gewachsenes, nicht aus der Retorte gezogenes, wenn man mal von Las Vegas absieht (das IST aus der Retorte und es IST symphatisch). Mal sehen, irgendwann gehts wieder hin.

Die große Hauptbühne am Nachmittag.

Sonntag, 1. August 2010

Riverside Church und Highline

Die Riverside Church in New York befindet sich auf der Upper West Side zwischen den Stadtvierteln Harlem und Morningside Heights. Architektonisch orientiert sie sich an den gotischen Kathedralen Frankreichs und hat einen zirka 120 Meter hohen Turm, der - eigentlich - für die Öffentlichkeit geöffnet sein sollte und von dem man einen wunderbaren Blick über den Hudson River und die umliegenden Teile Manhattans haben sollte. Eigentlich. Denn als ich das von mir für den 30. Juli ausgewählte Sight erreichte, musste ich feststellen, dass der Turm mitnichten geöffnet war und ich somit auf den Rundblick verzichten musste. Wie schade, aber nicht zu ändern. Dafür kam ich in den Genuss, nun ganz allein einen neogotischen Kirchenraum bewundern zu dürfen. Nichts hat hier die Stille gestört und auch die sonst übliche Beschallung mit Musik gab es nicht. Die bleiverglasten Fenster lassen nur wenig Tageslicht herein, alle Augen-Blicke den Altar gelenkt, der als Zentrum der Kirche den Besucher anstrahlt. Errichtet wurde der Bau in den Zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts als überkonfessionelle Kirche. Im Laufe der Zeit hat sie sich einen Ruf als Zentrum zur Förderung linker politischer Ideen und sozialer Projekte erarbeitet. Das ganze Gelände beherbergt nicht nur die Kirche selbst, sondern auch einen Kindergarten, Bücherei, Tagungsräume, eine Turnhalle...
Schade, dass der Turm geschlossen war.

Riverside Chruch (Freihand im Dunkeln kommt leider nicht so gut).

Nach diesem Ausflug sollte es auf direktem Wege nach Downtown gehen, aber so einfach war das nicht, denn überall in Amerika wird gebaut und so auch auf der U-Bahn-Linie. Also hieß es erstmal, zwei Stationen weiter nach Uptown, Umsteigen in der Station Harlem - 125th Street und wieder zurück, mit der Express-Bahn nach Downtown. Einige Leute haben das nicht verstanden, darunter durchaus auch Einheimische, die sind dann einfach durch die Notausgänge rausgegangen, was jedesmal einen furchtbaren Alarm-Lärm verursacht hat. Später habe ich dann an anderer Stelle noch bemerkt, dass einige New Yorker das durchaus auch mit Absicht machen... keine Ahnung, aber besonders cool ist das nicht.
Von Harlem nach Downtown runtersind es in New York etliche Kilometer (man könnte die übrigens auch laufen ohne "abzubiegen"; der Broadway führt quasi durch ganz Manhattan), die aber mit der Subway sehr komfortabel zurückzulegen sind, wenn man von den 35 Grad heißen U-Bahn-Stationen absieht, denn Wärme bin ich ja nun gewöhnt. Ich bin also von der 125. Straße bis zur 14. Straße gefahren, dort ausgestiegen und Richtung Westen gelaufen. Die Uhr ging schon wieder bedenklich schnell, aber dieses neue Sight wollte ich mir nun endlich einmal anschauen: die Highline, ein neuer Park mitten in New York, errichtet bzw. angepflanzt auf einer stillgelegten Güterzug-Gleisanlage. Und das alles eine Etage höher, also über der Straße. Tatsächlich: die Gleise wurde als Hochbahn gebaut und auf dieser Bahn befindet sich nun ein Park mit Blumen, Bäumen und Wiesen. So ganz wirklich haben die New Yorker und ihre Gäste die Anlage noch nicht in Besitz genommen, die Anzahl der Besucher hielt sich in Grenzen, aber auch die ganze Idee selbst ist noch gar nicht fertig. Darüber, was die High Line war und wie sie nach und nach zu einem Park wird, gibt wie immer Wikipedia gut Auskunft. Ich persönlich fand es etwas - nun ja - noch nicht ausreichend. Die Idee ist toll, paßt gut zu New York, aber wer nur wenig Zeit hat und sich davon nicht während eines Parkbummels unter Druck setzen lassen möchte, sollte sich das aufheben für später. Es wird ja noch daran gearbeitet.

Die High Line - so hieß die Bahnlinie tatsächlich, führte direkt durch die Lagerhäuser, die eigene Gleisanschlüsse eine Etage über Straßenniveau hatten. Die Waren konnten direkt im Lager auf- oder abgeladen werden. Heute entladen sich die Angestellten oder Bewohner der Hochhäuser in den Park zum Relaxen oder Mittagessen.

Von der 23. Straße aus bin ich dann zurück zu Times Square, habe mir dort ein kleines und reichlich verspätetes Mittagessen organisiert und bin dann die wenigen hundert Meter zum Grand Central Terminal gelaufen, von wo aus ich mit der Bahn zurück nach Bridgeport fuhr. Immerhin war es da schon um 4 Uhr nachmittags und ein ganzer Tag fast vorbei. Allerdings für mich ohne großen Streß und Hektik, einfach nur ein bißchen rumschauen.
Das ist das gleiche, was ich auch am Tag vorher, dem 29. Juli veranstaltet habe, da jedoch nicht allein, sondern mit Marks Frau Beth. Irgendwann morgens sind wir losgefahren Richtung New York, diesmal per Auto und es ging auch nicht in die Stadt rein, sondern aufs Land, zu einem Weingut (würde ich auf Deutsch sagen). Hier wird es als Winery bezeichnet und die stellen hier alles aus Früchten her, insbesondere den sogenannten Cider - Apfelwein. Natürlich kann man den gleich hier erwerben, an einer Verkostung teilnehmen oder in den Plantagen rumlaufen. Im Herbst gibt es "Selbstpflücken" von Äpfeln und die Sauere-Gurken-Zeit im Sommer wird mit kleinen Festivals an den Wochenenden überbrückt, zu denen die Städter zu Hunderten anrücken. Die Hoch-Zeit ist aber der Herbst, wenn die Bäume bunt (Indian Summer) und die Äpfel reif werden. Dann wird selbst auf dem Land die Parkplatzsuche schwierig. Jetzt, an den Werktagen im Sommer, hat nicht mal das Weingut-eigene Café geöffnet, und so bestand unser Mittagessen aus zwei Flaschen Cider, einen kleinen Stück Käse für sagenhafte 9 Dollar und einer halben Packung Cracker. Mehr an Essen war aus dem Laden nicht rauszubekommen. Soweit mal zu zwei entspanten Tagen.

"Straßentheater"