Freitag, 31. August 2018

Rangun - Yangon

Kirchenglocken, Muezzin, buddhistische Glöckchen an Pagoden, hinduistische Prozessionen durch die Stadt und auch eine Synagoge: das ist das erhaltene Stadtbild im Zentrum der alten Hauptstadt Myanmars. Ich fühle mich sehr unvollständig. Vom Hotelzimmer habe ich den fantastischen Blick über die Stadt, aber aufgemacht habe ich mich maximal bis zur Shwedagon-Pagode und der Kathedrale St. Mary's. Und ich habe das Getümmel erkundet, welches sich im direkten Umfeld der Junction City - so heisst der Neubau-Komplex - ausbreitet. Hier, in Little India oder Chinatown tobt das wahre Leben der Stadtbevölkerung. Wie gestern schon beschrieben reiht sich ein kleiner, kleinster Laden an den anderen und verkauft von Gummilatschen bis Gummistiefel alles, was der hiesige Stadtbewohner braucht.
Ich habe mich heute, an meinem letzten vollen Tag hier, nur etwas treiben lassen. Die Gassen rauf und runter, gelegentlich mal in die Markthallen rein. Vor allem habe ich die noch vorhandene Bausubstanz aus der Kolonialzeit bestaunt. Viel ist davon erhalten, aber in traurigem Zustand. Die Jahre der Isolation haben Rangun - Yangon - nicht so wachsen lassen, wie andere Städte in Südostasien. Und Geld und Wille fehlte wohl, sich um die Prachtbauten des britischen Empire zu kümmern. Jetzt stehen die, ziemlich mitgenommen vom Tropenklima, auf Grund und Boden, der stetig an Wert zunimmt, genauso wie die Wirtschaft und die Bedeutung von Yangon wächst. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis das alles entweder von alleine zusammengefallen ist oder - und das ist viel wahrscheinlicher - bis die Bagger anrücken, um Platz zu schaffen, für neue Glitzertürme. Die Markthalle "Bogyoke Aung San Market", die meinem Hotel gegenübersteht (die mit dem Touristenkram) wird wohl als nächstes weichen, denn wie ich heute festgestellt habe, gibt es bereits einen "New Bogyoke Market", der gleich in meinen Hotelkomplex unten eingebaut ist. So geht das: Ausweichquartier mit Wolkenkratzer darüber bauen. Dann kann der zweigeschossige Altbau auf der anderen Strassenseite weg für den nächsten Wolkenkratzer. Schade, aber das ist der Trend in Shanghai, Penking, Bangkok und auch in Yangon - praktisch überall in den aufstrebenden Südostasia-Staaten.

Die Synagoge, die einzige in ganz Myanmar, steht unter Denkmalschutz. Die Juden kamen, als mit der britischen Besetzung die Händler aus Indien und Nahost kamen. 2000 Personen umfasste einst die Gemeinde. Heute sollen es noch 20 sein und jeden Freitag Abend hoffen sie, dass die mindestens 10 zum Gebet nötigen Männer erscheinen, was selten der Fall ist. Mehr Touristen aus Amerika, Europa, auch Israel sind vielleicht die Chance für einen Trend nach oben. Auch da hilft die Öffnung des Landes, das ansonsten durch und durch buddhistisch geprägt ist.

Es gäbe noch viel mehr zu finden, aber die Zeit ist vorbei. Vielleicht, so stelle ich es mir gerade vor, wird ein Zweitbesuch möglich, dann mit etwas mehr Erfahrung und vielleicht auch mehr Zeit.

Von Jo Jo, meinem Fahrer aus Mandalay wollte ich eigentlich gestern schon schreiben. Jo Jo ist inzwischen wieder in seiner Heimatstadt Mandalay und wartet wahrscheinlich sehnlichst auf Kunden, dort am Fusse des Mandalay Hill. Jetzt ist Nebensaison, da hat es ein Fahrer, der auf Touristen angewiesen ist, nicht einfach. Vielleicht wird ihn auch seine Frau begleiten, so wie sie tatsächlich bis nach Yangon mit von der Partie war und vom Rücksitz aus die Fahranweisungen durchgab: "Rechts - Links - Geradeaus!" und vor allem: "Frei zum Überholen" (weil Jo Jo von seinem Rechtslenker aus nichts sehen konnte). Und das alles natürlich auf burmesisch. Am Ende der Fahrt konnte ich das fast selber sagen...
An meinem Hotel haben sie mich schliesslich abgesetzt und sich auf den langen Heimweg gemacht. Eine schöne Zeit war das und eine nette und erfrischende Gesellschaft. 

Nachfolgend ein kleines Foto-Potpourri aus Yangon:

Architektonisches Kolonialerbe:
Deutlich sind die Spuren von 70 Jahren Vernachlässigung und Tropenklima zu erkennen. 




Neueres Bausubstanz-Erbe:
Manchmal wächst die Flora direkt aus der Fassade raus - Wofür manche Architekten schon Preise bekommen haben, geht hier ganz von alleine...




Leben in der Stadt

Die Tora-Rollen in der Synagoge

Die Lotterie ist für viele Menschen wichtig...

Computerzubehör...

Alle Eier in einem Korb...

Hier bekommt man wirklich alles, was der Grosstädter zum Überleben braucht

Gemüsemarkt auf der Center Line



Ohne Zeitung geht's nicht... Auch nicht im Hemdenladen.


Donnerstag, 30. August 2018

Am Ende der Pilgerfahrt

Allen Lesern und Freunden, Bekannten und Familie, die mich immer mal wieder gefragt haben, ob ich jetzt zum Buddhisten werde, sei gesagt, dass das nicht der Fall ist. Dennoch fühlte ich mich gestern wie ein buddhistischer Pilger, der nach einer Reise von Tempel zu Tempel, von der Mahamuni-Pagode in Mandalay über die Tempel von Bagan und bis zum Golden Rock nun am Ziel der Wallfahrt angekommen ist: im religiösen Zentrum der Buddhisten von Myanmar, der Shwedagon-Pagode in Yangon.

Wie oft hört man den einen oder anderen geografischen Begriff und speichert sich das dann im Kopf ab ohne dran zu denken, mal vor Ort sein zu dürfen. So jedenfalls ging - geht - es mir auch in diesem Fall. Ich weiss nicht mehr genau, wann ich zum ersten Mal den Namen Shwedagon gehört habe, aber es sollte so in den Achtziger Jahren gewesen sein (bei uns im Haus gab es schon zu finstersten DDR-Zeiten grössere Mengen PM-Magazine, die jemand aus dem Westen mitgebracht hat, vielleicht stand da mal eine Geschichte drin). Und ich hatte auch immer das Bild des Stupa vor Augen, goldbedeckt und bekrönt mit dem Hti - wie die oberste Verzierung auf dem Stupa genannt wird.
Was für ein erhebendes Gefühl es ist, nun endlich hier zu stehen, vor dem echten Gold und den echten, klingenden Glöckchen, das kann nur der Pilger erfühlen.

Um so schöner ist es, dass ich diesmal auch das "richtige" Hotel gewählt habe und mich überwinden konnte, etwas mehr Geld auszugeben. Von meinem Zimmer im 20. Stock habe ich einen direkten Blick auf die Pagode und die ganze nördliche und westliche Stadt Yangon. Was für eine Aussicht!

Zu den allgemeinen Formalitäten des Stadtbesuches gehört die Fortbewegung. Am gestrigen ersten Tag hatte ich mich entschieden, den Weg vom Hotel zur Shwedagon zu Fuss zurückzulegen, denn es sind nur etwa 1,5 Kilometer. Ich hätte auch ein Tuk Tuk gemietet, aber die gibt es überraschenderweise in Yangon nicht, genauso wie es keine Motorräder gibt. Die Regierung hat sie allesamt aus dem Stadtbild verbannt, wahrscheinlich, um etwas mehr Modernität zur Schau zu stellen. Eines der zahlreichen Taxis herbeizuwinken, erschien mir zu diesem Zeitpunkt noch etwas zu dekadent, jedoch hätte ich es tun sollen. Die stechende Sonne und ein blauweisser Himmel am Vormittag liessen die Temperatur schnell auf schwülwarme 30 Grad klettern. Einmal die Strasse rauf und man ist schon am frühen Morgen durchgeschwitzt.
In der grossen Anlage des Tempels selbst herrschte reger Besucherverkehr, wenn auch nicht gerade eine Überfüllung. Es ist zum Glück Nebensaison und so konnte ich in aller Ruhe meinen Besuch dort geniessen. Obwohl noch ein paar Tage in Yangon und dann noch in Bangkok bevorstehen, war es doch so etwas wie das Ziel der Reise. Und so habe ich es dann auch auf mich wirken lassen.

Ziel der Reise: die Shwedagon-Pagode





Die Heilige Familie?

Nach einer gewissen Zeit musste ich dann aber doch wieder ins Hotel zurück. Diesmal aber mit dem Taxi. Für ca. 2 Dollar und nach 20 Minuten konnte ich die nassen Sachen abstreifen. Was aber nun? Vorziehen von ein paar anderen Programmpunkten. Der Markt gegenüber dem Hotel und die katholische St. Mary's Cathedral wollte ich mir nicht entgehen lassen. Der Markt war eine Enttäuschung. Praktisch gab es nur Touristenkram. Von der zweiten Etage jedoch konnte ich gut in die Gassen des gegenüberliegenden Quartiers reinschauen. Das war Chinatown und da musste ich noch hin. Zunächst aber erstmal wieder ein Taxi anhalten und die kurze Strecke zur Kathedrale, von der ich dachte, sie wäre anglikanisch. Aber es war schnell klar, dass hier Rom das Sagen hat und das ist der vollkommene Kontrast zum alles beherrschenden Buddhismus im Lande. Immerhin gibt es einen Erzbischof und tägliche Messen in englischer und birmanischer Sprache, wie die Anzeigetafeln verkünden. Als ich dort war, spuckte ein Reisebus gerade eine chinesische Gruppe aus, die sich einigermassen geräuschvoll in der Kirche verteilten. Zum Glück eine Reisegruppe, denn die werden pünktlich nach 15 Minuten vom Reiseleiter zurück zum Bus beordert, so dass es für mich noch ruhige Gelegenheiten zum Fotografieren gab.
In Chinatown tobte dann das lokale Leben auf den Gassen und in den Geschäften. Garküchen am Strassenrand, Nähmaschinen-Stände auf dem Trottoir, Werkzeugläden, Werkstätten, die stapelweise Computerplatinen vor der Türe liegen haben, die dann auseinander genommen werden zur Rohstoffwiederewinnung. Und unzählige Menschen die in alle Richtungen unterwegs sind. Irgendwann fiel mir die Zeile aus Goethes "Osterspaziergang" ein: "aus der Strassen quetschender Enge..." So ist es hier.


Chinatown

Nähstube. Hier wird alles repariert...

... der Maschinenpark dafür ist vorhanden.

Ganz im Gegensatz dazu die Shopping Mall, die direkt an mein Hotel grenzt und zum gleichen Gebäudekomplex gehört. Fünf Etagen Wahnsinn, der auf's Gemüt schlägt, wenn man vorher zwei Wochen lang in der Provinz unterwegs war. Alle Läden, die wir in Europa haben, die haben sie hier auch, und die Oberschicht ist fleissig am Einkaufen. Und wer wollte es ihnen auch verdenken? Wir haben das bei uns und die Myanmarer wollen das nach den Jahrzehnten des Stillstandes, der Abschottung und der Militärdiktatur nun auch bei sich haben.


Katholische St. Mary's Cathedral

Die etwas andere Kathedrale - oder Pagode. 

Bereits während des ersten Besuchs der Shwedagon-Pagode hatte ich mir einen Zweitbesuch am nächsten Morgen vorgenommen und dies ist inzwischen auch passiert. Nochmal reichlich Einatmen der ganz besonderen Atmosphäre auf dem Platz und dem Bimmeln der Glöckchen lauschen und neue Foto-Motive finden.
Morgen, am Freitag, werde ich noch ein wenig die Altstadt von Rangun, so wie die Stadt von der britischen Kolonialverwaltung genannt wurde, erkunden. Dann geht es am Samstag nachmittag zurück nach Bangkok. Der eine oder andere Bericht wird hier noch folgen, also bleibt weiterhin meine Leser. Ich geniesse die restliche Zeit in Asien.


Die Shwedagon-Pagode vom Hotelzimmer aus gesehen.
Gerade wälzt sich wieder eine Regenwolke über die Millionenstadt Yangon.



Montag, 27. August 2018

Fremdenverkehr erwünscht - Strassenverkehr auch?

Wieder sind ein paar beitragsfreie Tage vergangen, die ich jetzt aufholen möchte. Die Zeit läuft und auch die "gefressenen" Kilometer haben sich gefühlt verdoppelt, obwohl ich ja gar nicht selbst fahre. Den Job erledigt Jo Jo, mein Fahrer, während ich - immerhin auf der richtigen, der linken Seite in seinem Rechtslenker-Toyota - sitze.

Ich hatte mich entschlossen, nach dem Aufenthalt am Inle-See gleich nach Süden weiterzureisen. Vielleicht hat Jo Jo das nicht ganz gefallen, denn er verwies mehrfach auf die 10-Stunden-Autofahrt bis knapp vor Rangun, der alten Hauptstadt Burmas. Ich dachte, ich wüsste es besser und die Karte sagte ca. 550 Kilometer Strecke voraus, aber letztendlich waren es vom Inle-See bis nach Bago, einem Vorort etwa 30 Kilometer vor Rangun genau 10 Stunden Autofahrt. Mit Pausen und mit gefühlt 20 Monsunregenfronten, die unerbittlich unzählige Liter Wasser über unser Auto und über die Strasse schütteten. Am Morgen und bis nach dem Mittag ging es noch gut. In den Bergen scheint es mit dem Regen nicht so extrem zu sein. Dafür sind hier die Strassenverhältnisse etwas anders, als es unser weicher mitteleuropäischer Hintern gewohnt ist. Von Nyaung Shwe, der Hauptstadt am Inle-See sind es über die Passstrasse, d.h durch das Gebirge, bis zum Mandalay-Yangon-Expressway ca. 240 Kilometer, für die alleine etwa 5 Stunden Fahrzeit zu planen sind. Unzählige Serpentinen hinauf und hinab über eine Strasse, die sich wahrscheinlich ständig im Bau befindet. Zur Zeit werden die Berge abgetragen, um offenbar die Strasse vierspurig auszubauen. Schon jetzt brausen Pkw, Busse, Lkw, Motorräder mit unglaublicher - unfassbarer - Geschwindigkeit die löchrige und ggf. staubige Strasse hinab, kurven um Bagger herum (die die Berge wegbaggern) und überholen auf der dritten Spur, sprich auf dem Bankett, der bereits freigemachten, aber nicht befestigten Fläche oder notfalls auch auf der geteerten zweispurigen Strassen. Mein Fahrer Jo Jo hätte in Deutschland schon nach 15 Minuten sein Punktekonto in Flensburg voll... Andererseits: es machen alle so und da jeder weiss, dass alle es so machen, ist die Vorsicht und vorausschauende Fahrweise wohl etwas anders ausgeprägt, als in Mitteleuropa.
Auf dem Expressway dann herrschte Ruhe und Ordnung. 80 oder 100 km/h waren zulässig und werden von der Polizei überwacht. Diese Strasse ist schliesslich das Vorzeigeprojekt hinsichtlich der Verkehrspolitik und wurde erst vor wenigen Jahren fertiggestellt. Mit Chinas Hilfe quer durchs Land bis an den Indischen Ozean. Viele kritische Stimmen verweisen darauf, dass die dreispurige Strasse nicht nur für Pkw und Trucks ausgelegt, sondern auch panzertauglich ist, damit bei Bedarf, oder wenn die Führung in Peking es für notwendig hält, der Weg bis an den Ozean frei ist...


Öffentlicher Personennahverkehr...

Weg mit dem Berg, wenn die Strasse mal vierspurig werden soll...

Kritik am Strassenausbau hin oder her: Tatsache ist, dass Myanmar eine schnell wachsende Wirtschaft hat und im Tourismus ein riesengrosses Potential steckt. Dieser Schatz kann nur gehoben werden, wenn die nötige Infrastruktur bereitsteht. Und da ist der Strassenbau nun mal das Mittel der Wahl, der Eisenbahnen durchs Land ziehen dauert lange. Und ausserdem: generell ist der Individualverkehr viel prestigeträchtiger für die Einzelperson, denn der übers das Land brausende, erfolgreiche Bürger wird nur im Auto gesehen. Nicht in der Eisenbahn...

Nach 10 Stunden sind wir jedenfalls müde, aber gut in Bago im Süden Mynamars angekommen. Schlafen war angesagt, denn am nächsten Morgen um 8 Uhr sollte es gleich weitergehen. Der Besuch des Golden Rock war geplant. Über längere Zeit war nicht ganz klar, ob dies überhaupt möglich werden konnte, denn einher mit der Regenzeit gehen Beschädigungen der Strassen und somit eine eingeschränkte Passierbarkeit. Selbst fahren darf man zum Golden Rock sowieso nicht. Das übernehmen geübte Lkw-Fahrer, die den Einheimischen das Bergfahren und den Westlern das Fürchten lehren. Nach dem Umstieg vom Auto auf die Ladefläche eines jener Lkw: 6 Sitzreihen zu je 7 Sitzen - asiatische Grössen - und der Transport fährt erst los, wenn auch wirklich der allerletzte Platz belegt und abkassiert ist. Immerhin bedeckt ein Klappdach die Ladefläche, aber die Seiten bleiben frei, was bei der regenreichen Rückfahrt noch eine Rolle spielen sollte.

Die Fahrt auf den Berg verlief dann ganz gut, abgesehen von mehrmaligen Kontrollen durch die Polizei, einem Spenden-Halt und dem Umstand, dass der Laster gerade in einer der zahlreichen Serpentinen und beim Anfahren einer Steigung ein Kinderdreirad verlor, welches sich wieder auf den Weg nach unten machte. Stehenbleiben konnte der Fahrer nicht, sonst wäre er bei der Steigung wohl nicht mehr losgekommen, also musste der Lademeister abspringen, das Dreirad holen und dann den ganzen Anstieg bis zur nächsten Serpentine hochlaufen - der arme Mann. Aber immerhin: das Dreirad war gerettet...

Ziel des Tages heute war der berühmte Golden Rock, der vielmals auf Bildern erscheint, wenn von Myanmar die Rede ist. Ein Felsbrocken, der scheinbar am Abgrund balanciert, festgehalten nur von zwei Haaren Buddhas. So sagt es die Legende. Und deshalb wurde der Felsen komplett vergoldet und oben mit einem Stupa versehen, der Kyaiktiyo - auf Deutsch in etwa "Stupa auf dem Kopf des Einsiedlers". Natürlich auch in Gold. Der Fels ist eines der wichtigsten Heiligtümer der Buddhisten im Lande und Ziel vieler Pilger, die hier ihre Gebete verrichten. Somit ist das ganze Areal natürlich auch zu etwas wie einem Ausflugsort geworden, mit allen entsprechenden Einrichtungen: Restaurants, Souvenir-Stände, Gebetspavillons für das Volk und solche für die Mönche. Gerade werden mehrere Hotels aus dem Boden gestampft, die dann wohl eher für zahlungskräftige Kunden aus dem Ausland gedacht sind. Eine Seilbahn für die letzten paarhundert Meter ist auch gerade eröffnet worden.
Den Golden Rock stört das alles nicht, er liegt weiterhin relativ fest auf seiner Kante und lässt sich mit Gold bekleben (was nur Männer tun dürfen). Aber wie ist er nun dahin gekommen? Die Frage ist eigentlich falsch, denn der Fels war schon immer da. Er ist das letzte, was nach all der Erosion übrig geblieben ist. Ein Wunder ist trotzdem, dass er nun gerade so prominent an dieser Kante liegt. Sicher deshalb ist er, sobald die ersten Menschen hier auftauchten, heiliggesprochen worden.

Die Abfahrt vom Berge verlief dann etwas abenteuerlicher, als die Auffahrt. Zuerst einmal begann es zu regnen, als wir gerade den Lkw bestiegen. Nach etwa 45 Minuten Warten waren dann alle Plätze besetzt und es ging los. Der jetzige Fahrer musste viel mehr Erfahrung mit dem Berg haben, als der auf der Herfahrt. Seine Fahrweise hätte ich nicht mal im Flachland akzeptiert. Aber was soll man tun, wenn man hinten auf der Ladefläche eingezwängt zwischen lauter Burmesen und Chinesen sitzt? Richtig. Da kann man nichts machen ausser beten und hoffen, dass die Fahrt heil vorübergeht. Die Buddhisten unter den Mitfahrern haben schliesslich dafür und für alles andere oben am Golden Rock ihr Blattgold aufgeklebt und deswegen stört es sie wahrscheinlich weniger, wenn der Lkw über die Klippe geht. Sie, bzw. ihre Seelen, werden ja umgehend wiedergeboren und wenn man fleissig genug Blattgold geklebt hat, wird man vielleicht sogar in ein besseres neues Leben hineingeboren, als das jetzige, wo man hinten auf der Ladefläche sitzen muss. Dann nämlich könnte man sich vielleicht auch einen der drei Plätze in der Führerkabine leisten, die für Extrageld vergeben werden (15'000 Kyat = ca. 10 Euro).*


Der Goldene Fels


Egal ob Gross oder Klein: 42 Personen müssen auf die Ladefläche,
sonst fährt der Transporter nicht ab. Die 5 Leute in der ersten Reihe sind aus Spanien
und haben einen Platz extra bezahlt, damit sie zu fünft sitzen dürfen...



* An dieser Stelle muss ich vielleicht gleich mal um Entschuldigung bitten und einiges richtigstellen: ja, der Buddhist glaubt an die Wiedergeburt der Seele, des "leidhaften Wiedergeburtskreislaufes Samsara". Ziel des Buddhisten ist es, diesen Kreislauf zu verlassen durch Loslassen von Bindungen, Begierden und Wunschvorstellungen und somit die Erlösung zu erlangen, das Nirwana, was so viel bedeutet wie Verwehen, Vergehen. Es geht also nicht um das Ewige Leben, an das die Christen glauben, sondern gerade diese Ewigkeit zu durchbrechen.
Dennoch: abgesehen von diesem grundlegenden Unterschied sind mir sehr viele Parallelen von Buddhismus und Christentum aufgefallen, auf die ich vielleicht später nochmal eingehen werde.

Samstag, 25. August 2018

Eine Bootsfahrt und andere Lustigkeiten

Jo Jo ist wieder da. Wahrscheinlich hatte mein Fahrer aus Mandalay wegen der Sauere-Gurken-Saison Langeweile oder einfach Geldnöte. Jedenfalls meldete er sich nicht ganz unangekündigt, als ich gerade am Popa Mountain war und fragte, ob ich schon weiss, wie ich von dort zum Inle-See komme. Er wusste also auch, was eine günstige Reiseroute ist, ganz im Gegensatz von mir selbst, denn ich hatte für die Zeit nach Bagan gar keine Planung, ausser dass ich irgendwann Richtung Süden muss. Tja nun, wenn sich ein Fahrer schon bereithält, warum den nicht gleich zur Dienstleistung aufbieten?
Was Jo Jo nicht so genau wissen wollte war die Antwort auf die Frage, wie ich von Bagan zum Popa Mountain gekommen bin. Das hat nämlich ein Konkurrent, also sozusagen Jo Jo II. erledigt, der gleiche, der mir schon meine Bagan-Rundfahrten gemacht hat und den ich gleich für den Transfer engagiert hatte.
Die Fahrt von Bagan zum erloschenen Vulkan Popa dauerte auch nur eine knappe Stunde und 15 Minuten und bereits um 11.30 Uhr konnte ich im Hotel Popa Mountain Resort einchecken. Ein wunderschönes Hotel mitten im Dschungel und mit einem wunderbaren Blick auf den Taung Kalat, den Heiligen Berg der Nats, mit Pagode, auf der Spitze dieses Erosionsüberbleibsels, das aus der Landschaft ragt wie eine wundersame Säule. Wenn nur die ewigen Regenwolken nicht wären, die um diese Jahreszeit das Hotel, den ganzen Berg zu 80% des Tages einhüllen und ihre dicken Regentropfen fallen lassen. Was gibt es also besseres zu tun, als gleich nach dem Einchecken erstmal ausgiebig zu schlafen? Genau: nichts anderes.

Den Taung Kalat wollte ich nicht besteigen, obwohl ich mich am Folgetag auf den Weg ins Pilgerdorf gemacht habe. Direkt im Resort beginnt der Wanderpfad hinunter, vorbei an der abenteuerlich geflickten Wasserleitung und bis zum Beginn der Treppe. Im Reiseführer stand, man müsse die Treppe barfuss machen und aufpassen, dass man nicht in die allgegenwärtige Affenkacke tritt. Da war meine Treppensteigelust bereits gedämpft. Leider habe ich dann den falschen Abzweig der Strasse genommen, die mich nicht wie geplant ins Popa Village führte, sondern in stetigem bergab um den Berg herum, aber in die falsche Richtung. Und kein Netz und somit kein Google Maps zur Orientierung. Was tut man also als Tourist in Asien, wenn man was braucht? Man stellt sich etwas ungeschickt an und fragt ein paar Leute. In meinem Fall die zwei Boys am Eingang eines schicken neuen Hotels. Ob sie denn ein Tuk Tuk hätten, das mich zu meinem - anderen - Hotel zurückbringen könnte... Da müssen sie natürloch erstmal telefonieren, den Entscheide selbst treffen ist undenkbar,. Schliesslich scheint eine wichtige Person aktiviert zu sein, aber bis die kommt, lassen sie mich nicht rumstehen, sondern bieten mir einen von diesen Plastik-Stühlen an, die auf der ganzen Welt zu finden sind. Schliesslich kommt die wichtige Person: der General Manager persönlich. Und fragt mich, was ich will, wohin ich will und was ich es mir kosten lassen würde. 5'000 Kyat scheinen mir ein angemessener Preis zu sein, damit mich der Chef dieses Hotels zu einem anderen fährt. Schnell sind wir handelseinig und ich sitze das erste Mal seit Jahrzehnten wieder auf dem Sozius eines Motorrades und ich schwöre, es wird wieder ein paar Jahrzehnte dauern, bis ich mir das wieder gönne. Es sein denn, ich müsste 6 Kilometer laufen bei 30 Grad und bergauf. So weit war es nämlich inzwischen auf der Fahrstrasse, um zu meinem Hotel zu gelangen.

Man könnte am Popa Mountain noch mehr wandern die Natur erkunden, doch ich hatte die Zeit eher dafür vorgesehen, ein paar Ruhestunden einzuschieben, die ich dann auf dem Balkon und im Restaurant genossen habe. Jeweils in tropisch-luftiger Höhe und immer mit Blick auf den wunderbaren Taung Kalat.

Nach zwei wunderbaren Tagen im Reich der Vögel hiess es dann aber doch Abschied nehmen. Und das war der Moment, wo Jo Jo wieder ins Spiel kam. Wie gesagt, ich liess ihn meinen Aufenthaltsort wissen und ging auf seinen Vorschlag ein, zum Inle-See zu reisen, was letztlich eine prima Idee war. Jo Jo stand auch wie versprochen am Hotel bereit, im Auto seine Frau und ein junger Mann, ein Freund (hier sind alle "mein Ferund"). Ich dachte ja auch, dass die Fahrt zum Inle-See in etwa so lange dauert, wie die von Bagan zum Mount Popa und bei jeder Wasserfläche dachte ich: endlich, gleich gehts ins Hotel und dann etwas schlafen. Doch weit gefehlt. Die Fahrt zog sich über Stunden hin, der Weg war lang und da der See inmitten der Berge Mynmars liegt, ging es auch scharf bergauf, und zwar in unzähligen Serpentinen durch eine immerhin atemberaubende Regenwald-Landschaft. Viel wird gebaut hier und vor allem die Strassen werden, wie es scheint, touristentauglich gemacht. Dafür werden die Berge zerschnitten, breite Schneisen geschlagen, ganze Berge weggebaggert. Noch ist alles so ziemlich in Arbeit, aber schon bald wird der Verkehr wahrscheinlich vierspurig an den beschaulichen Inle-See rollen.

Wir waren dann auch irgendwann da und ja, ich freute mich auf mein Hotel. Aber dann erklärte mir Jo Jo, er hätte jetzt mit einem Freund telefoniert und der sagte, das Hotel hat keinen Strassenanschluss. Blick in die Buchung: richtig: Floating Hotel. Zudem an der Südseite des Sees, und wir kommen von Norden. Aber sein Freund hat ein Boot und das nehmen wir dann halt zur Überfahrt. So günstig ist es, wenn man Geschäftspartner kennt. Und so kam es, dass ich nach der recht wackligen Motorradfahrt am Vortag, der Serpentinenfahrt hierher, nun auch noch in den Genuss einer lustig-schwankenden Bootsfahrt über den gesamten See kam. Nicht zu vergessen: der regenzeitgemässe Regen kam pünktlich zu dem Zeitpunkt, als unser "Einbaum" ablegte. Doch das wissen die Bootseigner, es liegen Regenschirme bereit.
Aber, um es gleich zu sagen: es war wunderbar. Und da ich das so toll fand und mein schwimmendes Hotel so herrlich mitten auf dem See, zwischen Bergen und von mehreren Seiten von buddhistischen Klöstern beschallt liegt, habe ich gleich eine weitere 3. Nacht hinzugebucht.
Jetzt, beim Schreiben dieses Textes, ist die Zeit am Inle-See leider schon fast wieder vorbei. Jo Jo sorgte für eine Bootstour am ersten Tag und heute, am zweiten Tag, unternahmen wir eine Reise zum Kakku-Tempel, der bis vor wenigen Jahren für Ausländer gar nicht zugänglich war. Eine Tempelanlage mit dicht gedrängten ca. 2'000 Stupas aus den letzten tausend Jahren mit wundervoll detaillierten Skulpturen. Und in der Mitte thront der goldene Stupa, das Heiligtum. Und allem sieht man die Jahrhunderte noch an! Zwar wird repariert, aber zumindest im Moment noch nicht kaputtsaniert. Lange Zeit war die Region von bewaffneten Kämpfen erschüttert und auch heute noch gibt es immer wieder Auseinandersetzungen zwischen Regierung und Kämpfern für einen unabhängigen Shan-Staat. Einer davon lief mir in der Pagode tatsächlich über den Weg. Ein etwas abgerissen aussehender Typ mit umgehängter Kalaschnikow... da wird einem schon komisch zumute, wenn man das sieht...

Die gestrige Seenrundfahrt soll auch nicht ganz unerwähnt bleiben, zumal in Anbetracht meiner Bemühungen, jeglichen Touristenfallen aus dem Weg zu gehen. Wer geführte Touren kennt - und als solche bezeichne ich meine durch Jo Jo geleistete Fürsorge inzwischen - weiss, dass sowas nicht ohne Fabrikbesuch abläuft: zuerst besucht man eine (beliebige) Produktionsstätte. Dort wird dem Gast und geschätzten künftigem Kunden genau der Produktionsprozess erklärt, wobei sich jedem gleich die Frage stellt, ob die Leute hier nur arbeiten, wenn Besuch im Haus ist. Schliesslich, wenn die einzelnen Schritte ausführlich, aber wiederum nicht allzu lange, erläutert wurden und der Besucher ausreichen Fotos von der absolut authentischen Produktionsstätte gemacht hat, wird man geschickt zum Shop geleitet, der zufällig genau auf dem gleichen Weg ist, wie der Ausgang. Jo Jo und seine/meine Freunde warten derweil, während ich mir nochmal Baumwoll-Seiden-Schals, Hemden und Hüte zeigen lasse, desgleichen Holzschnitzereien (in einer Bootswerft), Silberschmuck in einer Silberschmiede usw. Einzig in der Zigarrenfabrik habe ich leichtes Spiel. Ich bin Nichtraucher. Komischerweise fällt es mir dort am leichtesten, in die aufgestellte Tip-Box meine 1'000 Kyat einzuwerfen.
Einen Schal habe ich übrigens dann doch noch gekauft, weil er mir so gut gefiel.

Morgen geht es leider schon wieder weiter. Am Inle-See wäre ich gerne noch geblieben. Einfach nur so. Um den Booten zuzusehen, selber mit einem über den See zu schippern oder einfach nur, um auf dem Balkon meines schwimmenden Hotels zu chillen. Leider geht das nicht, denn ich muss mich nun aufmachen, um rechtzeitig in den Süden des Landes zu kommen.


Der Taung Kalat - Wohnort der Nats, der Schutzheiligen Myanmars.

Besuch in einer Weberei...

... und in einer Zigarrenfabrik.

Jo Jo legt Blattgold auf die Buddhas, die nicht mehr erkennbar sind...

Mädchen und Frau der Padaung. Tradition mit Halsringen...



Bei der Kakku-Pagode

Mittendrin







Detail. Ist es nicht schön, wie auch die Natur ihren Platz in Anspruch nimmt?


Mittwoch, 22. August 2018

Stein-reiches Bagan

Nach der etwas abenteuerlichen Fahrt von Mandalay nach Bagan galt es nunmehr, diesen historischen Ort zu erkunden. Zunächst ging es mir nur um die Hotelanlage, die direkt am Irrawaddyfluss liegt und mit Annehmilichkeiten wie Frühstücksbuffet und Promenadenrestaurant für sich wirbt. Im Internet sieht das immer alles etwas glattgebügelt aus, die tropische Realität lässt sich dann aber eben doch nicht verbergen. Durch Regen, Feuchtigkeit und Sonne sind alle Gebäude etwas angegriffen. Trotzdem: am Charme der Anlage und an der Freundlichkeit des Personals hat das Tropenwetter noch nicht nagen können. Und das Frühstücksbuffet ist tatsächlich eines: Auswahl von westlichen und einheimischen Speisen und Getränken. Schon immer habe ich mir gewünscht, gebratenen Reis, gebratene Nudeln und dazu Toast mit Rührei auch mal am Morgen serviert zu bekommen. Hier in Myanmar ist es möglich. Viele Gäste sind zur jetzigen Nebensaison auch nicht da, so dass es – wie angenehm – kein Gedränge gibt. Alles ganz locker.

Nach dem Frühstück stellt sich die Frage, wie ich jetzt zu den Tempelanlagen komme. Und die Antwort ist eigentlich in mehrerlei Hinsicht ganz einfach: 1. ich bin schon mittendrin. Und 2. Auch hier gibt es Fahrer, die ihre Dienste anbieten, oder die Velos oder E-Motorräder vermieten. Mein Fahrer wartet schon vor dem Hotel und nach einer kurzen innerlichen Überprüfung entscheide ich mich gegen Velo - zu warm - und auch gegen das E-Motorrad - zu wenig Übung (die E-Bikes sind übrigens nur für die umweltbewussten Touristen da). Also bleibt noch das Tuk Tuk, welches ich für einen halben Tag miete. Mein Fahrer heisst Naing Naing und das Tuk Tuk hat seinen lautmalerischen Namen von dem Geräusch, welches der Einzylinder-Motor von sich gibt. Im Prinzip ist es das, was früher mal ein Fahrrad-Rikscha war, bloss eben inzwischen mit Motor.

Naing Naing verspricht mir eine Halbtagestour in der südlich gelegenen Region um Neu-Bagan. Da fahren wir zuerst hin und arbeiten uns dann vor. Gegen 15 Uhr sollten wir fertig sein.
Auch Naing Naing spricht beeindruckend passables Englisch und erklärt mir, dass heute die Strassen etwas voller sind, weil gerade ein Festival stattfindet. Inmitten diesem finden wir uns auch sogleich wieder und man kann sich nicht vorstellen, wie eng es werden kann, wenn ein paar tausend Leute sich eine Strasse entlang-schieben und dann auch noch Motorräder und Autos da durchwollen. Mein Fahrer hat sich das natürlich nicht angetan. Er wartet auf mich am Ende der Strasse und ich wollte ja – eigentlich – Pagoden anschauen, platze aber jetzt mitten in ein Volksfest. Natürlich mal wieder in der Minderzahl, 2 bis 3 andere Westler waren noch unterwegs…




Alle müssen essen...

Die Stadt Bagan ist seit langer ein Zentrum in diesem Teil des Landes. Bereits vor über tausend Jahren war die günstige Lage am Fluss bekannt und die im Folgenden herrschenden Könige Oberbirmas schätzten die fruchtbare Ebene. Schliesslich wurde der örtliche Schlangenkult vom Buddhismus abgelöst, der bereits seit längerem aus Indien nach Osten vordrang. Mit ihm als Herrschaftssicherung begann die Blütezeit Bagans und damit die Zeit des Pagodenbaus. 6000 religiöse Gebäude sollen insgesamt errichtet worden sein. Doch so wie die Religion den Aufstieg sicherte, trug sie letztlich zum Niedergang bei. Die Kosten für Neubauten, Unterhalt, Erhaltung der Gunst der Klöster und Provinzen stiegen ins unermessliche Höhen während an den Grenzen feindliche Völker das Land bedrängten und letztlich niederwarfen.

Geblieben sind ca. 2'000 Stupas und Tempel, die im Laufe der folgenden Jahrhunderte den Kräften der Natur anheimfielen. In den 70er Jahren, nach einen grösseren fehlerhaften Sanierungen und vor allem einem schweren Erdbeben war von einigen Gebäuden nicht mehr übrig, als ein Haufen Steine und selbst diese wurden für andere Vorhaben verwendet. So begannen erst in den Achtziger Jahren umfangreiche Wiederherstellungsarbeiten, die nicht immer – oder besser: eigentlich gar nicht – dem historischen Erbe gerecht werden. Meistens handelt es sich um reine Neubauten, die sich an alten Plänen und Fotos orientieren. Immerhin ist die Motivation historisch übernommen: die Militärregierung konnte damit dem Volk zeigen, wie viel Wert ihr der Buddhismus ist.


Sieht doch ein bisschen wie eine Kirche aus. Jederzeit könnte Orgelklang ertönen...

Das also ist das Gebiet, in dem ich unterwegs bin und so geht es von einer Pagode, einem Tempel, einer Stupa zur nächsten. Viele Fotos, viel Sonne, viel Schweiss, aber am Ende des Tages, in diesem Fall gegen 15.30 Uhr) bin ich sehr zufrieden am Hotel wieder angekommen und kann den Rest des Nachmittags mit dem Ausblick auf den Fluss geniessen.

Direkt vor meinen Augen wird auch schon ein Teil des Panorama-Restaurants hergerichtet: grosse runde Tische, überzogen mit goldenen Tischdecken. Die Stühle ebenso bezogen und die Gedecke unter Aufsicht des Managers fein hergerichtet. Da fragt man sich doch gleich, welcher besondere Anlass dort geplant ist – und ob der normale Hotelgast an dem Abend dort auch Zutritt hat. Er hatte. Und der Barkeeper raunte mir am späteren Abend, als die Festgesellschaft am Speisen war noch zu, dass heute die Eigentümerfamilie gekommen sei und sie dort ihren Abend verbringen. Aha…

Der zweite Tag in Bagan glich im Wesentlichen dem ersten, bloss dass ich erst gegen Mittag mit einer Tour startete. Diesmal ging es gen Norden und Fahrerin war die Schwester von Naing Naing, die mich nach der Hälfte an ihren Cousin (???) übergab und meinte, er fährt genauso gut und sicher wie sie selbst. Alles okay also.

Die Tour beinhaltete als erstes den Besuch des Marktes von Nyaung, der nördlichen Nachbarstadt von Bagan. Ein traditioneller Dorfmarkt, ganz ohne Touristen, dafür viel roher Fisch, rohes Fleisch, Plastikstühle und Gummischuhe. Alles das, was die Leute hier brauchen und was kein Touri kaufen würde. Ich bin also am richtigen Ort.

Danach geht es weiter zur Schwezigon-Pagode, die auch bereits fast tausend Jahre alt ist, aber das Gold glänzt immer wie neu. An dem Ort bin ich dann noch Opfer einer Touristenfalle geworden und fand mich plötzlich inmitten einer Schar von bettelnden Frauen jeglichen Alters wieder. Die Reiseberichte im Internet geben Auskunft: wenn der Tourist zum Lucky Buddha geht, was nichts mehr ist als eine verwitterte steinerne Säule, als Buddha absolut nicht erkenbar, wird er ordentlich abgezogen. Es war schon schräg und nachher ärgert man sich. Aber was solls, auch das gehört dazu und kostete am Ende ein paar Dollar und das Gefühl, reingelegt worden zu sein. Dabei war das noch nicht mal das Ende. Am Eingang (mein Fahrer hatte mir geraten, meine Schuhe im Tuk Tuk zu lassen, auch darüber schreiben die Reiseführer) hatte mich gleich eine Frau abgegriffen und mir ein Papierschmetterling ans Hemd gesteckt. Ein Geschenk, und ich sollte doch auf dem Rückweg wieder bei ihr vorbeikommen. Schön doof, sage ich heute. Der Schmetterling als Erkennungszeichen für einen nichtsahnenden Touristen. Dann die Sache mit dem Lucky Buddha. Nicht mit mir, dachte ich und nahm auf dem Rückweg einen anderen Ausgang. Doch meine künftige Geschäftspartnerin hatte das wohl geahnt, stand bei Fuss und liess mich nicht gehen. Geschickt wurde ich an meinem Taxi vorbeigelotst und fand mich an ihrem Familienstand wieder. Auch ein Stuhl wurde mir für die Verhandlungen angeboten, den ich dann aber dankend ablehnte. Nach erbittertem Feilschen kamen wir schliesslich ins Geschäft. Ein Messing(?)-Figürchen für 7'000 Kyat (ca. 5 Dollar), handgemacht von ihrer armen armen Familie, die das Geld soooo glücklich macht. Handarbeit, versteht sich. Seltsam nur, dass auf dem ganzen Tempelareal, im ganzen von mir besuchten Burma überhaupt diese Figuren verdammt einheitlich aussehen… Nein, sowas passiert mir nicht nochmal. Doch das Figürchen ist jetzt in der Hand ihrer Schwester (?), die an ihrem Stand das Papier zum Einwickeln hat. Also da rüber und gleich beginnt das Spiel von vorne, noch ehe ich mein 5-Dollar-Souvenir überhaupt in Händen halte, beginnt der Verhandlungsmarathon vor neuem. Diesmal breche ich aber ab und verlange die Herausgabe meiner Ware. Nichts wie weg hier. Aber lustig war es trotzdem. Das Papier, in das die Figur letztlich eingepackt war, ist auch hochinteressant (siehe Bild)…


Ist das Mengenlehre? Profis bitte vor und erklären!
(Für mich und die Verkäuferin-Schwester war es Einwickelpapier)



Schreine überall - besonders hübsch mit Kabelkanal...

Noch ein Dom

Was die zwei wohl zu betratschen haben?

Die Schwezigon-Pagode

Ein bisschen italienische Gotik gefällig?

Endlose Pagodenlandschaft



Dienstag, 21. August 2018

Überlandfahrt mit Gästen und anderen Hindernissen


 Am Samstag, dem 18. August, morgens um 8.30 Uhr war ich erneut mit Jo Jo verabredet. Bei der vorabendlichen Verhandlung der Abreisezeit hatte ich mir eine halbe Stunde mehr Zeit ausbedungen. Schliesslich musste ich ausschlafen und darüber hinaus mein ganzes Zeugs einpacken, von dem ich bereits am ersten Tag ahnte, dass ich vieles davon hätte zu Hause lassen können. Jedenfalls so wie ich reise, benötige ich kein eigenes Toilettenpapier und auch die langärmligen Tropenhemden vom ersten und letzten Afrika-Besuch werden wohl nicht benutzt werden. Egal, jedenfalls liess ich mir die Ruhe des Frühstücks im Hotel nicht nehmen und war trotzdem pünktlich fertig und abreisebereit. Die erste Überraschung des Tages kam dann auch gleich: im Auto sass eine junge Dame, die mir Jo Jo als seine Ehefrau vorstellte und ich hätte doch nichts dagegen, wenn sie uns heute begleitet. Zu Hause fühlt sie sich so einsam. Okay, dachte ich, dass lässt sich wohl machen. Als das geklärt war und wir bereits auf der Hauptstrasse fuhren, kam die nächste Überraschung: ob denn auch Jo Jo’s Eltern mit nach Bagan kommen könnten? Was soll man dazu sagen? Das Gepäck ist verladen, die Fahrt ist bereits im Gange. Soll man da ablehnen? Als Hauptsponsor des Tages hätte ich das sicher tun können, aber was dann? Also habe ich mein Einverständnis erklärt und tatsächlich: die Eltern stehen bereits gestiefelt und gespornt an ihrer Strasse und verladen sogleich die Wegzehrung und kleines Zusatzgepäck und besteigen den Wagen. Nun sind wir also zu fünft unterwegs und die Familie hat einen schönen Wochenendausflug nach Bagan, gesponsort vom reichen Touristen aus dem Westen. Gut, es war auch keine Belastung für mich und ich denke mir, wenn das mein Beitrag zum Umweltschutz ist (Fahrgemeinschaft) und ich so einen weiteren Beitrag zur Völkerverständigung leisten kann, dann soll es in Ordnung sein.  Und die Familie sollte ja im Tagesverlauf auch noch ihre Kompetenzen in Sachen Reifenwechsel zum Beweis bringen können.

Jo Jo hatte mir die Route erklärt. Zuerst fahren wir nach Monywa, zur Bodhi-Tataung-Pagode mit einem liegenden Buddha und dem zweitgrössten stehenden Buddha der Welt. Das würde etwa 2.5 Stunden dauern. Ziemlich genau nach dieser Zeit waren wir, die ganze internationale Familie, tatsächlich vor Ort und ich staunte nicht schlecht. Eine 130 Meter hohe Buddha-Statue glänzt in der stechenden Tropensonne. Jo Jo entlässt mich wie üblich mit dem Hinweis, wo er warten wird. Ein kleines Stück laufe ich mit seinen Eltern noch mit, die im übrigen sehr freundlich sind und sich via Herrn Jo Jo sen. auch etwas auf Englisch verständigen können. Am Eingang zur Statue bin ich dann auf mich gestellt. Schuhe abziehen, über die kochend heissen Marmorplatten hüpfen und schnell rein in den Buddha. Die Frage war für mich nur: mache ich den Aufstieg, ja (aber dann vollständig) oder nein?
Der hoffnungsvoll stimmende Aufzugsturm hinter der Statue entpuppte sich als ewige Baustelle und auch die Angabe im Reiseführer, wonach erst 16 Etagen begehbar sind, erwies sich als überholt. Das Bauvorhaben befindet sich im Status dazwischen: alle 30 Etagen sind begehbar, aber nur über die Treppe! Und keine Klimaanlage im Inneren…
Also was soll’s, ich beginne und beende meinen Aufstieg durch den Buddha und erlebe eine Welt voller wundersamer buddhistischer Werke aus aller Welt. Jede Etage hat offenbar einen Hauptsponsor, viele aus den USA bzw. Europa und scheinbar ist jede Etage einem Thema gewidmet. Manches ist gut erkennbar, zB. die Jungfrauengeburt Siddhartha Gautamas: aus der Achselhöhle seiner Mutter Maya, die sich an einem Baum festhält. Und der kleine macht gleich sieben Schritte.
Andere Darstellungen sind dagegen nicht so einfach zu verstehen. Mehrere Etagen sind ausgesprochen bildhaften Gewalttätigkeiten gewidmet, die so gar nicht zum Klischee des Buddhismus passen. Die Erklärungen dazu leider nur in birmanischer Sprache und vielleicht findet sich an dieser Stelle ein kundiger Leser, der dieses erklären kann. Ich würde mich freuen.

Auf zum nächsten Ziel - wohlgemerkt, an einem Tag, an dem noch die Stadt Bagan erreicht werden muss: die Thanboddhay-Pagode in Monywa. Erbaut erst in den vierziger und fünfziger Jahren, macht sie aber einen ganz und gar historischen Eindruck. Mein Guide Jo Jo verweist mich noch auf den Wachturm, ein lustiges Türmchen, auf das eine abenteuerliche Treppe aussenherum hinaufführt. Asiatische Grössenverhältnisse und vorsorglich für Frauen gesperrt («Females are not climb» steht unten dran und das kann sich ja mal jeder selber übersetzen…)

Danach weiter zum letzten Ziel des Tages, die Grottenbuddhas in Pho Win Taung. Ein mehrteiliges und weitläufiges Areal mit unzähligen, aus dem Sandstein geschlagenen Höhlen, in denen nur der Buddha sitzen geblieben ist. Alles etwas verwittert und von der Natur in Beschlag genommen.
Dann war – endlich – Abreise und die eigentliche Fahrt nach Bagan, ca. 100 km entfernt, begann. Verstohlen warf ich immer mal wieder einen Blick auf Google Maps und die Route und die Zeit wurde und wurde nicht kürzer, wohingegen der Himmel dunkler und dunkler wurde. Ein Monsunsturm zog sich ziemlich konsequent über der Strasse zusammen und tatsächlich pladderte bald der Regen so stark, dass keine 50 Meter Sicht mehr möglich waren. In Kürze war die Strasse ein fast durchgängiges Wasserbett und ich dachte: nur gut, dass dieser Kleinlaster mit seiner einen Rückleuchte vor uns fährt. Soll doch der den Weg spuren. Dann liess der Regen nach und Jo Jo liess den Laster ziehen. Irgendetwas stimmte am Auto nicht. Seine Frau plapperte aufgeregt, Jo Jo zischte irgendwas (Übersetzung zweifelhaft, aber vorstellbar) und erklärte mir dann, dass wir einen Platten hätten, aber das würde in kurzer Zeit behoben sein und ich könne ruhig im Auto sitzen bleiben. Letzteres kam mir dann doch etwas zu kolonial vor und ging auch gar nicht. Schnell griff nämlich die ganze Familie zu – gut dass man sie dabei hat. Der Kofferraum musste ausgeräumt werden, damit man an das Reserverad kommt. Alle Koffer raus, aber damit sie nicht im Regen stehen, alles auf die Sitze packen. Dann das Reserverad losschrauben, was die Ehefrau übernimmt. Der Vater sperrte inzwischen die Strasse mit Steinen ab, also das, was bei uns das Warndreieck ist. Radmuttern lösen, weggesprungene aus der Pfütze fischen und saubermachen, plattes Rad weg, «neues» dran… Mir blieb am Ende nichts anderes zu helfen, als den Regenschirm zu halten, wobei das bei Gewitter, welches inzwischen wieder einsetzte, ein mir äusserst unangenehmer Job war. Aber was hilft es, das Rad muss gewechselt werden und es wurde gewechselt. Binnen 20 Minuten war die Sache erledigt, wobei es auch deswegen etwas schneller ging, da nicht alle Radmuttern in Betrieb waren.
Auto einpacken, Steine von der Strasse wegräumen (!) und abfahren. Inzwischen hatten Blitz, Donner und Regen wieder ein beängstigendes Ausmass erreicht. Und es waren immer noch knappe 80 Kilometer zu fahren. Welcher Mensch stellt sich in so einer Situation nicht auch die Frage danach, was passiert eigentlich, wenn jetzt noch ein Rad plattgeht? Schliesslich wurde der Vorrat an Reserverrädern gerade aufgebraucht…

In stockdunkler Nacht und bei strömendem Regen war das Hotel dann schliesslich gegen 21.00 Uhr erreicht. Leider das falsche. Also nochmal eine kleine Runde und dann aber richtig. Etwa 21.10 Uhr konnte ich Jo Jo, meinen treuen und zuverlässigen Fahrer bezahlen, mich verabschieden, mein Zimmer beziehen, schnell duschen und gerade noch vor Betriebsschluss etwas im Restaurant essen und trinken. Die Tempelwelt von Bagan hatten wir schon durchfahren, davon war aber in der Dunkelheit nichts zu sehen. Dazu werden dann die kommenden zwei Tage genutzt.

Mandalay dagegen liegt hinter mir. Eine interessante Stadt, voller goldener Pagoden und Tempel und mit recht netten Menschen. Ich denke, Taxifahrer Jo Jo ist da repräsentativ für die überwiegende Mehrheit der Myanmarer.


Die 130m hohe Statue des stehenden Buddhas.

Liegender Buddha - Detail

Nochmal der ganze liegende Buddha - ca. 90 Meter lang.

Der Pilger muss sich - barfuss - zu Fuss auf den Berg bemühen.
Hindurch durch die Händler. Das haben sie irgendwo abgeschaut...




Die Buddhas bewachen ihre Pagode.

Von überall her schauen die Buddhas herab.

Ein lustiges Wachtürmchen

Die Pagode vom Wachturm aus gesehen.

Aus dem Sandstein gescharbeiteter Buddha (einer von vielen)

Der goldene Frosch verabschiedet uns...

So sieht es übrigens in Buddhas Kopf aus...