Dienstag, 5. August 2014

Great Salt Lake City

Dieser Beitrag schlummerte seit 5 Jahren im Blogarchiv und sollte wohl mal unterwegs veröffentlicht werden. Da er fast fertig ist und mir eigentlich ganz gut gefällt, schiebe ich ihn an richtiger Stelle im Jahr 2014 noch ein. Evtl. gibt es dann in den folgenden Texten die eine oder andere Information nochmal.
(11. Juni 2019)


Die Grosse Salzsee-Stadt soll der Abschluss des diesjährigen Road Trips für mich sein und dafür habe ich ganze drei Tage eingeplant - in weiser Voraussicht.

Denn Salt Lake City entpuppt sich mehr und mehr als etwas mehr als nur die Hauptstadt der Mormonen, die hier überall präsent sind. Geschäftiges und doch gemütliches Zentrum inmitten der Wüste Utahs. Angenehmes und gleichzeitig irgendwie spirituelles Städtchen mit immerhin mehreren hunderttausend Einwohnern in der Region, die mit einer Strassenbahn, bezahlt von den Latter-day Saints, (LDS) untereinander verbunden sind und an einem Ort, an dem es vor 150 Jahren nichts gab als Buschland, Salzsee und Sümpfe. Und hinter all dem die grandiose Berg-Kulisse der Wasatch Range, die die Einwohner hier jeden Tag und vor allem - wenn abendsonnnenbeschienen - am Abend geniessen dürfen...

In Salt Lake City sind nach meiner Ankunft hier am Donnerstag noch die verwegensten Ideen entstanden, von denen ich selbst noch nicht mal etwas wusste, und die ich dann auch teilweise in die Tat umsetzen konnte. Deswegen wird dieser Post jetzt auch etwas länger, denn morgen schon ist Abreise Richtung New York City.

"Dieses Buch muss entweder wahr oder falsch sein. Wenn wahr, ist es eine der wichtigsten Mitteilungen, die Gott den Menschen je gesandt hat ... wenn falsch, ist es eine der arglistigsten, bösartigsten, dreistesten und abgrundtiefsten Täuschungen, die der Welt je angedreht wurden, gedacht, um Millionen zu betrügen und zugrunde zu richten."
Orson Pratt, Führungsmitglied der LDS

Das Zitat, bezogen auf das Buch Mormon, sagt so ziemlich alles aus, was jemand von der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage (Church of Jesus Christ of Latter-day Saints - LDS) wissen sollte. Und doch lässt es alles offen...
Meine Idee bei der Planung für die Reise 2014 war, noch etwas mehr zu erfahren über diese Glaubensgemeinschaft, die praktisch den Weg frei gemacht hat für die Besiedelung des Westens des nordamerikanischen Kontinents. Dafür hat die LDS in Salt Lake City für alle Interessierten ein umfangreiches Informationsangebot bereitgestellt, doch das Internet gibt noch viel mehr her, vor allem von Dingen, die die Kirchenführung heute gar nicht so gerne angesprochen sieht.

Fangen wir bei den Gründern der Kirche an: Joseph Smith wäre da zu nennen, ein "moderner Prophet" auf der Suche nach der wahren Religion. Beim Brunnengraben für einen Nachbarn (oder beim "professionellen" Schatzsuchen - so genau ist das nicht überliefert) fand er einen Stein, den er fürderhin als seinen "Seherstein" erkannte. Mit diesem in seinem Hut gelangen ihm absonderliche Dinge, wie zum Beispiel die Übersetzung des  "Buches Mormon", welches ihm auf goldenen Platten vom Engel Moroni offenbart wurde. Joseph Smith hatte übrigens schon vorher begonnen, eine ganz besondere Karriere hinzulegen: vom bekannten Hochstapler und Betrüger, Wahrsager, Kleinkriminellen, zum Propheten und Kirchengründer. Wer möchte das nicht, wenn er/sie nicht mit seinem Leben zufrieden ist...

Über seine ersten, treuen "Zeugen", die Familien Whitmer und Cowdery, die immerhin in den Grundwerken der Mormonen aufgelistet sind, hatte Smith auch nicht wesentlich Gutes zu berichten. Stattdessen beschied er ihnen, sie können "nichts Wahres von Unwahrem unterscheiden".

Kurzum: die Idee, da die wahre Lehre natürlich in den USA entstanden sein muss, fand sie schnell eine Menge Nachfolger, so dass die "Kirche" wuchs und Smith sich bald ein neues Schild an sein Büro heften konnte: "Präsident"...
Zum Leidwesen der örtlichen christlichen Gemeinschaften, die auf Smith und seine Leute überhaupt nicht gut zu sprechen waren. In der von Smith gegründeten Stadt Nauvoo (Illinois) kam es dann zum vorläufigen Höhepunkt: Nachdem Joseph Smith als Bürgermeister die Druckerei der Zeitung "Nauvoo Expositor" nach deren erster und einziger mormonenkritischer Ausgabe zerstören liess (die Verfasser waren übrigens zum grössten Teil Abtrünnige, die der Sandale folgten und nicht der Flasche), fand er sich selbst schnell in einem Gefängnis wieder, das von einem wütenden Mob belagert wurde. Als dieser das Gebäude stürmte, half ihm weder der eingeschmuggelte Revolver (der heute stolz im Mormonen-Museum gezeigt wird) noch der freimaurerische Hilferuf. Smith war nämlich kurz vorher den Freimaurern beigetreten und überraschend schnell an zwei Tagen durch alle Hierarchiestufen aufgestiegen (danach durfte kein Mormone mehr Freimaurer werden). Doch bevor er den nötigen Schutzruf vollenden konnte, wurde er erschossen von Leuten, die nichts auf seine Freimaurermitgliedschaft geben wollten und noch weniger auf seine mormonische Lehre. Immerhin brachte ihm dieses Ereignis den Märtyrerstatus seiner Kirche.

Joseph Smith beim Empfang (?) der Offenbarung.

Sodann übernahm ein Mann namens Brigham Young das Ruder. Während Smith vielleicht ein Mensch auf der Suche nach Einfluss mit den Mitteln des kleinen Mannes war (diese Aussage muss insofern revidiert werden, dass Smith's Mittel eher diejenigen waren, die den leichtgläubigen Mann zu beeinflussen vermochten. Er selbst war vielmehr ein ... ... ... (Wörter bitte selbst einsetzen) Rev. 15.03.2021), glaube ich, dass Young der Mann für die grobe Anwendung der Macht war. Mit allem, was dies an Erfolg und Misserfolg mit sich bringt. Young ist die Organisation für die Besiedlung des Westens zuzuschreiben, die entbehrungsreich für die vielen Gläubigen aus Europa und dem Osten der USA verlief. Er gründete den Perpetual Emigration Funds, der allen Mitgliedern die Übersiedlung in den Westen des Kontinents ermöglich sollte (bei vertraglich festgelegter Rückzahlungsverpflichtung). Das Geld in diesem Fonds war immer knapp und so kam Young die göttliche Eingebung, wie auch dieses Problem zu lösen sei: Pferde und Ochsen, wozu? Die Leute können die Karren ja auch selbst ziehen... Fortan wurden die Auswanderungen gen Westen mit Handkarren durchgeführt.

Mit diesen Handkarren über 2'000 Kilometer über Stock und Stein.
Und durch Flüsse, Sümpfe und Gebirge.

Meilenzähler

Man muss die Menschen dafür bewundern, mit welchem Pioniergeist und Willen sie - unter dem Druck der Verfolgung aus religiösen Gründen - den Weg zur Besiedlung der Rocky Mountains auf sich nahmen. Ihnen und ihren Leistungen wurde in Salt Lake City ein Denkmal gewidmet und der Mormon Trail von Nauvoo in Illinois bis nach Salt Lake City (über 2'000 Kilometer lang) ist heute Teil des National Trail System, das viele historische Routen als Wanderwege unterhält.

Überhaupt hatte Brigham Young die besten Ideen, wie die Sache von Joseph Smith fortzuführen sei. Das neue Zion am Grossen Salzsee? Göttliche Eingebung "Hier ist der Ort"! Great Salt Lake City wurde gegründet (am 24. Juli 1847). Die Stadtentwicklung? Jede Strasse ist mindestens 132 Fuss breit (ca. 40 m). Breit genug, damit ein Fuhrwerk wenden kann, ohne dass der Kutscher fluchen muss. Dass sind doch echte Gründe für Stadtentwicklung, oder? Das Tabernacle: Wie sieht ein Gebäude aus, in dem jeder Besucher die Kanzel ohne Hindernis sehen kann? Brigham Young weiss es: wie ein Ei von innen, also freitragend. Göttliche Eingebung. Heute steht das Gebäude im Nationalen Verzeichnis der Baudenkmäler.

Breite Strassen: Modell von Salt Lake City.
Am oberen Bildrand ist bereits das Tabernacle zu sehen.

Soviel gottgegebene Inspiration schafft Neider und Konkurrenten: die Polygamie? Hat Brigham Young erfunden, sagen einige der abgespaltenen ("folget der Flasche!") liberaleren Gruppierungen... Doch halt, hier muss man ihm, Young, zuguten halten: Joseph Smith hatte diese Idee bereits in die Tat umgesetzt...

Der Tabernacle Choir bei der Hauptprobe am Donnerstag Abend.
Im Kongresszentrum haben 20'000 Menschen einen Sitzplatz.

Über alles gesehen kann ein Besuch in Salt Lake City deutlich mehr sein, als nur eine Zwischenstation, so wie es viele Touristen auf dem Weg zum Yellowstone National Park oder Grand Teton machen. Für mich war es der Endpunkt meines road trip. Von hier aus geht es mit dem Flugzeug weiter in Richtung Ostküste.



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