Mittwoch, 12. Oktober 2016

Kulturrevolution

Der Vorsitzende Mao Zedong wurde und wird ja im Westen immer wieder gerne verklärt und es gab Zeiten, wo es sich in bestimmten Kreisen geziemte, eine Mao-Jacke zu tragen. Auf unserer China-Reise haben mein Vater und ich schon des öfteren gewitzelt, ob wir nun endlich in Peking jemanden sehen, der diese Jacke aus offensichtlicher Überzeugung trägt. Doch genauso wie mein Bruder Benjamin uns in Shanghai bezüglich der Parolen enttäuschen musste, genauso hat uns heute unser Guide hier enttäuscht. Ein Mao-Jacke sieht man nicht mehr. Nicht mal mehr die Parolen, nach denen ich doch so gerne Ausschau gehalten hätte. Einzig die Propaganda-Plakate aus der Chaos-Zeit der Kulturrevolution sind gelegentlich noch als Relikte ausgestellt. Niemand erinnert sich gerne an diese Zeiten zurück.

Heute haben wir, das heisst, Uli und ich (Benjamin ist auf Hainan – dem Hawaii Chinas und sicher auch unendliche Quelle für Blogeinträge) nach Peking gereist. Mit China Eastern Airlines, die mit ihrem Bord-Entertainment ganz der asiatisch-chinesischen Linie zu folgen scheinen: kein Kind ist klein genug, um nicht schon radikalisiert zu werden. Nur Mord und Totschlag und Propaganda. Das war, muss ich ehrlich sagen, etwas abstossend.

Peking unterschied sich dann ersteinmal durch die Luftqualität. Shanghai ist ja auch nicht gerade als Luftkurort bekannt, aber das, was wir in Peking antrafen, übertraf dann Shanghai bei weitem und ebenso meine Erwartungen. Eine trübige milchig-gelbe Dunstglocke liegt über der 20-Millionen-Hauptstadt. Nichts für verwöhnte Mitteleuropäer, die Alpen-Bergluft gewohnt sind. Nun denn, aus dieser Brühe kommen wir die nächsten Tage nicht heraus. Herr Wang, unser deutschsprachiger Guide für die nächsten Tage empfängt uns aber ganz gelassen und zeigt uns zum Einstieg einen echten Pekinger Hutong, eine dörflich anmutende Siedlungsform inmitten einer Millionenstadt und von dieser sogar mitten im Zentrum. Mehrere Familien siedeln sich um eine Wasserquelle an und errichten dort typische flache, lange Häuser, die von einer Mauer umgeben ist. Innerhalb dieser „Compounds“ wohnen die Menschen und zu den Gassen heraus liegen die verrücktesten Geschäfte: Baumärkte mit 10 Quadratmetern Grundfläche, Garküchen, Ladestationen für Moped-Batterien (dass man so viele Stecker.-Verteiler verzweigen kann, ohne dass die Sicherung rausspringt, wusste ich gar nicht...), Obstläden, Saftläden, dazwischen Mütter, die auf offener Strasse ihre Babies windeln. Ich glaube, originaler geht es gar nicht. Das scheint tatsächlich der  ursprüngliche Lebensstil der Pekinger Bewohner gewesen zu sein bzw. ist es an wenigen Stellen noch. Die Hutongs sind auf dem Rückzug. Die jüngere Generation will mehr Platz und mehr Komfort und Bodenspekulationen treiben die Bewohner in die Aussenringe von Peking. Wenn das erledigt ist, werden die alten Hütten abgerissen und moderne Hutongs errichtet, in denen dann nur noch eine Familie mit entsprechend Geld auf dem Konto lebt – umgekehrte Wohnraumverdichtung.

Hauptstrasse im Hutong.
Das Wort stammt aus dem Mongolischen und bedeutet Wasserquelle

Baumarkt (links im Bild!)


Noch ein wenig Geschichte: Im Wesentlichen sind uns heute zwei von Maos Kampagnen zumindest begrifflich noch bekannt: Der „Grosse Sprung nach vorn“, die Industrialisierungswelle, die mit 40-50 Millionen Toten endete und ein Riesenchaos hinterliess und die Kulturrevolution, die eine unbestimmte Anzahl Menschenleben forderte, mindestens 400‘000 und ein noch grösseres Durcheinander brachte, dazu unzählige zerstörte Existenzen und Kulturgüter. Erst mit Maos Tod 1976 endete sie bzw. wurde umgehend eingestellt. Deng Xiaoping, einer der späteren Führer der Volksrepublik sagte über Mao, er habe 70 Prozent gut gemacht und 30 Prozent schlecht und diese 30 Prozent dürften sich nie wieder wiederholen. Ich glaube, diesem Gedanken folgen die meisten Chinesen. (Deng war übrigens einer der letzten, die immer in Mao-Jacke aufgetreten sind.)
Ansonsten sind sich die Forscher uneinig darüber, welchen Einfluss Mao auf die Entwicklung Chinas nun wirklich hatte und was passiert wäre ohne ihn. Morgen werden wir Mao besuchen. Zumindest sein weltbekanntes Porträt über dem Tor zur Verbotenen Stadt. Vielleicht geistert er ja dort noch ein wenig herum, so wie gelegentlich „seine“ Witze wie der folgende:


Der Vorsitzende Mao nimmt eine grosse Parade in Peking ab. Tausende, Abertausende, Hundertausende Arbeiter ziehen an der Tribüne vorbei. Da erblickt Mao einen Arbeiter mit Fusslappen, während all die anderen barfüssig vorübermarschieren. Sofort lässt er diesen Abweichler herausgreifen und zu sich auf die Tribüne schleppen, wo er ihn zur Rede stellt. Der arme Mann schlottert vor Angst und Ehrfurcht: „Vorsitzender Mao, ich kenne mich mit den Gebräuchen in der Hauptstadt noch nicht so aus. Ich bin doch erst gestern nach Peking gekommen.“ Mao zürnt: „Was? Erst gestern gekommen und schon im Intershop gewesen!“


"Gemeinsam mit dem Vorsitzenden Mao werden die Roten Garden die Lehnsherren zertrümmern" - Oder so ähnlich

Unser Guide, Herr Wang, war heute sehr auskunftsfreudig und fast alle Themen, die mich am modernen China interessieren, haben wir schon mal gestreift: Nordkorea, Waffenimporte, Taiwan, Vietnam, Internetzensur… Herr Wang ist Chinese, aber er redet gern und ich glaube, ich verstehe die Chinesen so langsam besser, auch wenn ich nach wie vor in gewissen Themen sehr skeptisch bin.

Was bleibt als Fazit heute? Peking ist eine Riesenstadt, die sich von der 3000-jährig gewachsenen Kulturstadt in eine Planstadt verwandelt. Ein bisschen davon wollen wir morgen und in den nächsten Tagen sehen. Mittlerweile beginne ich China gern zu haben… 


Im Trommelturm: Früher wurden auf diese Weise die Tageszeiten verkündet.

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