04 Oktober 2010

Das Lugala-Hospital

Irgendwo, tief im tansanischen Busch verborgen liegt das Lugala-Hospital der Lutherischen Kirche in Tansania. Ursprünglich errichtet wurde es in der Mitte des 20. Jahrhunderts und Anfang der 90er Jahre von einem dänischen Missionswerk erneuert und erweitert. Heute ist es sozusagen ein Distrikt-Krankenhaus, zuständig für über 100.000 Menschen, die überall verstreut in der Umgebung wohnen, getragen weiterhin von der Lutherischen Kirche, wesentlich finanziell unterstützt von SolidarMed und vom Lugala-Arbeitskreis der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland. Das Krankenhaus besteht aus dem eigentlichen Gebäude-Komplex, einer Reihe von Flachbauten, die durch überdachte Gänge miteinander verbunden sind. Weiterhin gibt es eine Häuseranlage für Angehörige, die hier wohnen, solange Verwandte im Krankenhaus untergebracht sind. Die Angehörigen sind dafür zuständig, für ihre Kranken zu kochen und einfache Pflegearbeiten zu übernehmen. Weiterhin gibt es einige Häuser für Krankenhausangestellte, eine kleine Kirche und eine Cafeteria, letztere besteht aus einem ausrangierten Schiffscontainer, um den herum Tische und Stühle gruppiert sind... Ausserdem hat das Krankenhaus noch zwei Gästehäuser für Besucher und eine große Satelliten-Antenne als Verbindung nach aussen. Über diese Schüssel läuft das Internet. Platz ist hier für ca. 130 Patienten, die mit allen möglichen Krankheiten herkommen. Man könnte meinen, dass dies die sogenannten Tropen-Krankheiten sind, aber eigentlich sind es Erkrankungen, die vor allem aufgrund der hier herrschenden Armut auftreten: Malaria, HIV, Infektionskrankheiten usw. Dann gibt es viele Entbindungen und auch Unfälle werden behandelt. Das Krankenhaus hat verschiedene Operationssäle und auch moderne Geräte wie z.B. ein Röntgengerät im Einsatz. Geleitet wird es von einem deutschen Arzt mit viel Afrika-Erfahrung und einem deutschen Verwalter, der seit etwa einem halben Jahr hier ist. Planmäßiges Vorgehen ist es nicht, was die Landbevölkerung hier auszeichnet. Der Afrikaner sagt pole pole - langsam, langsam und meint aber damit neben langsam auch noch irgendwas anderes, etwa in Richtung: so genau brauchen wir es nicht. Ein wunderbares Lebensgefühl, aber für das Führen eines Krankenhauses eher ungeeignet und total uneuropäisch. Überhaupt muss der mzungu, wenn er hier ankommt, alles über Bord werfen, was er aus Europa mitbringt: in Afrika ist alles anders.

Chefarztvisite


Mzungu ist auch so ein Kisuahili-Wort. Gemeint sind damit die Weißen, besser vielleicht die europäischen Besucher, aber das Wort bedeutet darüber hinaus auch Verrückter und/oder Reicher - also alles, was auf Europäer aus afrikanischer Sicht zutreffen mag. Welcher Afrikaner würde auch tatsächlich schon um 9.50 Uhr beim Meeting erscheinen, das um 10.00 Uhr beginnen soll? Üblicherweise fängt es doch sowieso erst 10.45 Uhr an, wenn die Letzten dann endich da sind. Und so wird das Wort mzungu den Betroffenen vor allem durch die vielen Kinder hinterhergerufen und an der Art und dem Tonfall kann man sich dann seine persönliche Bedeutung heraussuchen.
Daneben gibt es auch noch höfliche Begrüßungen. Zum Beispiel sagen die Kinder im Vorbeigehen zu Älteren: shikamoo und das heißt soviel wie "ich halte deine Füße". Darauf muss der Begrüßte antworten: marahaba; ich habe bis heute nicht genau erfahren, was das bedeutet. Aber wenn man es nicht antwortet, kommen die Kinder und fordern auf, es zu sagen. Es scheint also irgendwie wichtig zu sein.
Das Dorf Lugala, an dessen Rand das Hospital steht, besteht im wesentlichen aus einer Mischung aus Steinhäusern und Lehmhütten, wobei letztere - ganz wichtig - als Häuser zu bezeichnen sind. Man kann sich als verwöhnter Europäer nicht so richtig vorstellen, wie und in welchen Umständen die Menschen hier leben, aber sie tun es. Der Besitz eines Hauses ist einerseits wichtig, andererseits spielt sich das Leben im wesentlichen vor dem Haus ab, wo gekocht, gespielt, gearbeitet und geschnattert wird. Im Haus wird (auf dem Boden) geschlafen. In Lugala gibt es weiterhin noch eine "Bar", einen Fernseh-Saal und ein Restaurant, das Embassy, bestehend aus einem Tisch mit 4 Stühlen. Letzteres habe ich leider nicht besucht, dafür aber die Bar und den Fernseh-Saal. Dafür hat sich jemand von den Bewohnern einen Diesel-Generator gekauft, um Strom für Empfang und kalte Getränke zu erzeugen. Jetzt kann man für 200 Schillinge (ca. Cent) am Abend irrwitzige Kung-Fu-Filme aus Asien anschauen und Bier und Soda trinken.
Soweit mal für heute eine kurze Umfeld-Beschreibung.

Häuser in Lehmbauweise.


29 September 2010

Wieder zu Hause

Nun sind die zwei Wochen Tansania schon wieder vorbei und die Berichterstattung hier im Blog ist doch recht dürftig ausgefallen. Die Internet-Verbindung war nicht so gut, wie ich dachte und auch die Zeit ließ nicht jeden Tag einen Bericht zu. Aber wie es bei Dienstreisen so ist, soll nachher ein Bericht entstehen. Das heißt, ich gehe alle meine Notizen durch und natürlich auch die vielen Fotos. Dabei wird auch noch der eine oder andere Artikel über die Fahrt, die Menschen, das Lugala-Hospital und die Landschaft entstehen. Für mich als Erst-Afrika-Reisender war es jedenfalls sehr beeindruckend, wenn auch die mehrstündigen Jeep-Fahrten über Schotter-Staub-Pisten mit Löchern so groß wie Elefanten recht anstrengend sein können. Belohnt wird man damit mit Begegnungen weitab jeglicher Zivilisation und einmal mehr mit wunderschönen Landschaften, die aber auch hier, weit entfernt, von der Globalisierung bedroht sind. Aber dazu später mehr. Für heute noch zwei Bilder:


Über sieben Brücken mußt du gehen...

Sonnenuntergang im Mikumi Nationalpark

20 September 2010

Habari?

Das heißt so viel wie: "Was gibts neues?" Wie schon geschrieben, ist die Internetverbindung nicht so gut, deshalb kann ich die ganzen Neuigkeiten hier gar nicht in vollem Umfang reinschreiben. Immerhin ist die erste Woche in Tansania vorbei und heute ist auch schon der letzte Tag im Lugala Lutheran Hospital. Morgen, in aller Frühe, starten wir auf einen 400-Kilometer-Trip durch den outreach zu einem Aussenposten des Krankenhauses. Diese Aussenposten, von denen es zwei gibt, ermöglichen medizinische Behandlung auf niedrigem Niveau, aber mit dem Vorteil, dass sie näher an den Leuten dran sind. Da von Lugala kein direkter Weg über den Kilombero führt, muss man bis zur Fähre nach Ifakara zurückfahren, dann auf der anderen Flussseite die gleiche Richtung zurück. Luftlinie von hier aus sind es etwas 40 Kilometer, Fahrstrecke 400km. Man könnte auch das Fahrrad nehmen und sich mit einem Einbaum übersetzen lassen oder zu Fuß durch den Fluss laufen...
Wir werden dort ein paar Reparaturen vornehmen, uns überhaupt überzeugen, dass der Posten noch da ist und dann im Busch übernachten (in einem katholischen Kloster). Von da geht es dann am Donnerstag und Freitag über Ifakara in Richtung Dar es Salaam zurück.
Das ist eine recht gute Straße...

18 September 2010

Habari ya asubuhi

Habari ya asubuhi - Guten Tag oder Guten Morgen. Heute, am Samstag, 18. September 2010 ist nun der erste Tag, der es zeitlich und technische erlaubt, mich endlich mal um meinen Blog zu kümmern. Und das mitten aus dem afrikanischen Busch heraus. Der Ort hier heißt Lugala und liegt etwa im Südwesten Tansanias, 3 Autostunden entfernt von der nächstgrößeren Stadt Ifakara. Hier gibt es ein Buschkrankenhaus, das von Deutschland und der Schweiz aus personell, finanziell und technisch seit vielen Jahren unterstützt wird und das regelmäßig von einer deutschen Delegation besucht wird. Lugala liegt sozusagen am Ende einer Welt, die Straße führt noch etwas weiter bis zum Kilombero-Fluss, dort ist Schluß, keine Brücke, keine Fähre. Die Reise vom Flughafen in Dar es Salaam bis hierher dauerte zwei Tage mit Übernachtung in Dar es Salaam nach der Ankunft sowie als Zwischenstation in der nächstgrößeren Stadt Ifakara.Von dort braucht man für das eigentlich kürzere Teilstück nach Lugala etwa 4 Stunden mit dem Auto, um die unendlichen Staubpisten zu überwinden, den sogenannten African Highway - etwa 100 km lang. Das haben wir hinter uns gebracht mit unseren 192 kg Gepäck plus je ca 8 kg Handgepäck, verstaut in und auf einem Toyota-Geländewagen. in Ifakara kamen dazu noch zwei Matrazen, die wir auf dem dortigen Markt erworben haben (nach 20 Minuten langem Feilschen, das zuletzt noch das Verpacken auf dem Dach des Autos umfaßte...) Unser Fahrzeug sah dann wirklich so aus, wie man sich ein Expeditions-Fahrzeug vorstellen muss, innen wie aussen: Alles voller Gepäck, besetzt mit 8 Personen, drei vorne, der Rest hinten in den quer längs eingebauten Bänken. Nur, wer sowas mal mitgemacht hat, weiß, wie es ist, rough roads oder African Highway zu fahren. Und kurz nach der Einfahrt in Lugala, 100 Meter vor dem Ziel steht endlich das Warnschild "BUMPS" an der Straße. Gut, dass es nochmal gesagt wurde...
Leider ist die Netzverbindung so unkontinuierlich, dass das Blogschreiben so beschwerlich wird. Deshalb mache ich hier erstmal Schluß. Es gibt später sicher noch ausführlichere Berichte und Bilder. Letztere können auch hier gefunden werden: http://www.panoramio.com/user/1777006

12 September 2010

Auf gehts

Die letzte Besorgung habe ich heute gemacht: Geld vom Automaten holen. Nun ist alles eingepackt, wobei das "alles" zum gewichtigsten Teil Dinge sind, die ich gar nicht für mich selber mitnehme, sondern für das Krankenhaus in Lugala. Der Fluggesellschaft wurde eine Reisegruppe mit schwerem Gepäck avisiert und nach deren Bestimmungen darf nun die Gepäckfreigrenze um 10 kg überschritten werden, sofern es sich um Hilfsgüter handelt. Das kann ich für meinen Riesenkoffer mit gutem Gewissen bestätigen: 1 Akkuschrauber, 20 OP-Kittel, ein Absauggerät, diverse Kleidungsstücke und kleine Geschenke. Gerade so habe ich die Tasche zubekommen und die kommt jetzt auf irgendwas knapp über 30kg. Aber der Hauptzweck der Fahrt ist ja, das Hospital zu besuchen und dabei gleich eine Reihe von dringend benötigten Gegenständen mitzunehmen. Das alles wird morgen früh, 5.30 Uhr in Berlin Tegel eingecheckt und dann geht es über Zürich und Nairobi ins südliche Afrika, genauer gesagt nach Dar es Salaam, der größten Stadt Tansanias und von dort weiter ins Landesinnere. Das letztendliche Ziel ist das Dorf Lugala, irgendwo im afrikanischen Busch. Ausser den Menschen, die dort leben und dem Krankenhaus gibt es dort ziemlich nichts. Ich bin gespannt, wie das geht ohne Strom und befestigte Straßen und wie lange es dauert, um dorthin zu kommen. Internet soll es am Krankenhaus geben, so dass auch diese Berichte hoffentlich regelmäßig aktualisiert werden. Und wenn möglich, gibt es auch Fotos, und zwar auf dieser Seite: http://www.panoramio.com/user/1777006
Soweit an dieser Stelle und noch von zu Hause.

01 September 2010

Hakuna Matata

Die Überschrift sagt es schon: Englisch ist es nicht und das heißt, Amerika ist fürs erste vorbei. Die Ferien gingen viel zu schnell vorbei und von den Landschaften des Südwestens und New York habe ich viel zu wenig gesehen, aber das nächste Reiseprojekt steht schon an: 2 Wochen Tansania. Sozusagen als dienstliche Reise: Besuch des Lugala Hospitals. Mitten im Busch, mitten drin in Afrika, mitten drin in den Tropen. Einige Vorbereitungen sind schon abgeschlossen, z.B. die ganzen Impfungen. Man glaubt ja gar nicht, was auf anderen Kontinenten so kreucht und fleucht, aber man kann sich auch schützen - ganz wichtig. Ein paar Sachen müssen noch erledigt bzw. gekauft werden. Wiederum andere Sachen sind schon eingetrudelt, z.B. Hosen, die man unten zubinden kann...
Da, wo ich hinfahre, gibt es auch Internet, d.h. in diesem Reiseblog, der ursprünglich mal für "Amerika 2008" entstanden ist, wird nun auch Tansania eingehen!

04 August 2010

Crazy Crazy Crazy American Girl

Viel Arbeit für die einen, viel Spaß für die anderen. Mark musste immer noch für die Sicherheit des "Gathering the Vibes Festival" arbeiten (50 Überstunden in einer 7-Tage-Woche...), dass hieß für mich: Girls Day am Samstag auf eben diesem Festival im Seaside Park Bridgeport, Connecticut. Girls Day heißt: Mittags starten mit Marks Frau, ein paar Runden auf dem Festival-Gelände abdrehen nach Blechung des saftigen Eintrittspreises und Durchwanderung eines irren-verwirrenden Weges zur Kasse, zurück zum Schlangenende, wieder vor bis ran zur Kasse, Empfangen des Armbandes, zurück zum Sicherheits-Check… Dann die restlichen Girls treffen, die irgendwie alle was mit der Polizei zu tun haben. Entweder ist der Mann Polizist oder der Freund oder der Ex und während die alle zu tun haben, können sich die Frauen auf dem Hippie-Festival vergnügen, gemeinsam mit 25.000 anderen Leuten an diesem Nachmittag und Abend. Das Festivalgelände beherbergt zwei Bühnen, mehrere Camping-Plätze, einen großen "Fressmarkt" und einen "Markt der Möglichkeiten" – nenne ich es mal, wobei aber die Hauptbühne DER große Anziehungspunkt sein dürfte. Hier, im Inneren des Geländes, nochmals zur Sicherheit abgetrennt und mit Drogenkontrollen spielen die Bands ihre Musik: Grateful Death und alles, was Hippie-mäßig ist. Und entsprechend sehen hier auch die Zuschauer aus: Jungs und Mädchen mit Hula-Hup-Reifen und anderen Artistik-Geräten, bunt gekleidet mit irrsinnigen Hüten, Federn am Kopf, Riesensonnenbrillen und so weiter. Dann die Mittelalterlichen, also so Leute wie ich, die relativ normal gekleidet sind. Mir fehlen bloß immer die passenden T-Shirts mit dummen Sprüchen drauf (z.B. "Idaho - No, Udaho"). Dann gibt es die Alten, die wissen, dass sie alt sind und sich auch so verhalten. Und als extremste Gruppe - wie ich finde - gibt es die Alt-Hippies. Die haben irgendwie die Zeit verpennt, denken, sie sind immer noch 20 und kleiden sich so ein, dabei sind mittlerweile 40 Jahre vergangen. Diese Leute sehen am witzigsten aus: Riesenketten, komische Behänge, komische Hüte - einfach köstlich.

So laufen hier die Mädels rum...

Stundenlang konnte man da zuschauen und die Leute an sich vorbeiziehen lassen. Und das alles etwas durcheinander, aber doch geordnet. In der "Restroom World" stehen alle Hippies brav Schlange, was sich in den Kabinen abspielt, möchte ich lieber nicht ganz so genau wissen. Der Geruch stammt ganz sicher nicht von Kacke und auch nicht von normalem Tabak. Für die speziellen Gäste, d.h. für die, die sich über den ohnehin schon saftigen Eintritt von $ 90 hinaus noch den VIP-Status kaufen können, gibt es ein spezielles VIP-Zelt. Ich habe es insgeheim "Guantanamo" getauft: Abgetrennt durch einen Doppelzaun mit Wachen dazwischen, Zugang über ein großes Maschendraht-Tor, an dem weitere Wachen stehen... Wer hier sitzt, verpasst das Beste aus der Nähe. Einziger Vorteil: man hat von hier direkten Zugang zur Hauptbühne und darf direkt an der Kante stehen.

Guantanamo - hier geht's in den VIP-Bereich rein.

Auf der Bühne läuft das Programm auf den nächtlichen Höhepunkt zu: geile Musik (besonders dieser Schwarze mit der Posaune - der konnte spielen, zusammen mit der ganzen Band). Inzwischen haben wir auch die Girls an der Strandpromenade getroffen, die es sich dort bereits mit mitgebrachten Drinks bequem und lustig gemacht haben. Die Stimmung steigt mit jedem weiteren Becher. Überhaupt ist der Alkoholkonsum exorbitant. Das Bier fließt in Strömen. Alkohol, die einzige Droge, die hier legal zu haben ist. Dafür braucht es nur Geld und die Age verification, die beim erstmaligen Betreten eines Bierzeltes an das Handgelenk geklebt wird. Irgendwo mittendrin haben wir uns niedergelassen, Blick auf die Hauptbühne, Hippies überall und die Girls ganz so, wie es ein Europäer von amerikanischen Frauen erwartet: irgendwie schrill, crazy, etwas zu viel Alkohol, ein wenig zu laut. Aber letzteres sei entschuldigt, denn inzwischen spielt die nächste Band mit Perfomance auf und ich habe mich nochmal durch das dichte Gedränge zur Bühne durchgeschlagen, um das aus der Nähe zu sehen. Irgendwann in dieser Zeit muss wohl eine der Frauen bei Mark angerufen und berichtet haben, ich sei verlorengegangen. Absoluter Unsinn, aber ausreichend, um bei ihm die Stimmung auf den Tiefpunkt zu senken. Das ganze Festival - ich glaube, er hat es gehaßt: zu viele Drogen, zu viele Verrückte, zu viele Diebstähle und Schlimmeres in den Vorjahren, aber die Bilanz von diesem Jahr sieht wohl ganz gut aus: weniger von allem Schlechten und ich muss sagen, ich habe mich zu keinem Zeitpunkt unsicher gefühlt. Dummerweise waren gerade zu diesem Zeitpunkt 4 Speicherkarten mit jeweils 2 Gigabyte gefüllt und an Nachschub nicht zu denken, und überhaupt war Abschiedszeit gekommen, zumindest, was das Festival betraf.

Auf der Nebenbühne ging es etwas beschaulicher zu.

Der nächste Tag sollte nochmal der City gewidmet werden, aber das habe ich gestrichen. Ausruhen und Saubermachen war angesagt. So gab es also nur noch einen kurzen Ausflug (Amerika - kurz = 90 Meilen hin und 90 Meilen zurück) nach Mystic und das war‘s. Jetzt sitze ich auf dem Flughafen John F. Kennedy und warte auf den Rückflug nach Deutschland, der mit 3 Stunden Verspätung vielleicht starten wird.

Ist Amerika immer noch schön? Natürlich. Haben sie nicht auch ein paar Probleme? Natürlich auch. Sehr große sogar:
  • ein irrsinniger, kaum zu glaubender Verbrauch von Ressourcen
  • eine Millionen Mitglieder zählende Bande von Nichtskönnern auf der Straße, die die wenigen vernünftigen Autofahrer behindern und gefährden mit Autos, für die in Deutschland entweder ein Lkw-Führerschein nötig ist oder die niemals irgendeine TÜV-Plakette erhalten würden (z.B. weil ein Scheinwerfer freischwebend mit Bändern befestigt ist, weil der Rost alleine ihn nicht mehr hält…)
  • ein politisches System aus dem 18. Jahrhundert, das dringend eine Reform benötigte, die aber niemals kommen wird und die überhaupt alle notwendigen Veränderung lähmt.
Die Aufzählung könnte noch ein wenig weitergehen. Aber irgendwie haben sie es doch zu etwas gebracht, das kann man nicht von der Hand weisen und sie haben Sehenswürdigkeiten, Landschaften, Museen, Universitäten, Städte, die Ihresgleichen auf der Welt suchen und die gefüllt sind mit einer unglaublichen Menge von unterschiedlichsten, zumeist freundlichen Leuten. Und es hat durchaus auch sympathisch Gewachsenes, nicht aus der Retorte gezogenes, wenn man mal von Las Vegas absieht (das IST aus der Retorte und es IST symphatisch). Mal sehen, irgendwann gehts wieder hin.

Die große Hauptbühne am Nachmittag.

02 August 2010

Riverside Church und Highline

Die Riverside Church in New York befindet sich auf der Upper West Side zwischen den Stadtvierteln Harlem und Morningside Heights. Architektonisch orientiert sie sich an den gotischen Kathedralen Frankreichs und hat einen zirka 120 Meter hohen Turm, der - eigentlich - für die Öffentlichkeit geöffnet sein sollte und von dem man einen wunderbaren Blick über den Hudson River und die umliegenden Teile Manhattans haben sollte. Eigentlich. Denn als ich das von mir für den 30. Juli ausgewählte Sight erreichte, musste ich feststellen, dass der Turm mitnichten geöffnet war und ich somit auf den Rundblick verzichten musste. Wie schade, aber nicht zu ändern. Dafür kam ich in den Genuss, nun ganz allein einen neogotischen Kirchenraum bewundern zu dürfen. Nichts hat hier die Stille gestört und auch die sonst übliche Beschallung mit Musik gab es nicht. Die bleiverglasten Fenster lassen nur wenig Tageslicht herein, alle Augen-Blicke den Altar gelenkt, der als Zentrum der Kirche den Besucher anstrahlt. Errichtet wurde der Bau in den Zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts als überkonfessionelle Kirche. Im Laufe der Zeit hat sie sich einen Ruf als Zentrum zur Förderung linker politischer Ideen und sozialer Projekte erarbeitet. Das ganze Gelände beherbergt nicht nur die Kirche selbst, sondern auch einen Kindergarten, Bücherei, Tagungsräume, eine Turnhalle...
Schade, dass der Turm geschlossen war.

Riverside Chruch (Freihand im Dunkeln kommt leider nicht so gut).

Nach diesem Ausflug sollte es auf direktem Wege nach Downtown gehen, aber so einfach war das nicht, denn überall in Amerika wird gebaut und so auch auf der U-Bahn-Linie. Also hieß es erstmal, zwei Stationen weiter nach Uptown, Umsteigen in der Station Harlem - 125th Street und wieder zurück, mit der Express-Bahn nach Downtown. Einige Leute haben das nicht verstanden, darunter durchaus auch Einheimische, die sind dann einfach durch die Notausgänge rausgegangen, was jedesmal einen furchtbaren Alarm-Lärm verursacht hat. Später habe ich dann an anderer Stelle noch bemerkt, dass einige New Yorker das durchaus auch mit Absicht machen... keine Ahnung, aber besonders cool ist das nicht.
Von Harlem nach Downtown runtersind es in New York etliche Kilometer (man könnte die übrigens auch laufen ohne "abzubiegen"; der Broadway führt quasi durch ganz Manhattan), die aber mit der Subway sehr komfortabel zurückzulegen sind, wenn man von den 35 Grad heißen U-Bahn-Stationen absieht, denn Wärme bin ich ja nun gewöhnt. Ich bin also von der 125. Straße bis zur 14. Straße gefahren, dort ausgestiegen und Richtung Westen gelaufen. Die Uhr ging schon wieder bedenklich schnell, aber dieses neue Sight wollte ich mir nun endlich einmal anschauen: die Highline, ein neuer Park mitten in New York, errichtet bzw. angepflanzt auf einer stillgelegten Güterzug-Gleisanlage. Und das alles eine Etage höher, also über der Straße. Tatsächlich: die Gleise wurde als Hochbahn gebaut und auf dieser Bahn befindet sich nun ein Park mit Blumen, Bäumen und Wiesen. So ganz wirklich haben die New Yorker und ihre Gäste die Anlage noch nicht in Besitz genommen, die Anzahl der Besucher hielt sich in Grenzen, aber auch die ganze Idee selbst ist noch gar nicht fertig. Darüber, was die High Line war und wie sie nach und nach zu einem Park wird, gibt wie immer Wikipedia gut Auskunft. Ich persönlich fand es etwas - nun ja - noch nicht ausreichend. Die Idee ist toll, paßt gut zu New York, aber wer nur wenig Zeit hat und sich davon nicht während eines Parkbummels unter Druck setzen lassen möchte, sollte sich das aufheben für später. Es wird ja noch daran gearbeitet.

Die High Line - so hieß die Bahnlinie tatsächlich, führte direkt durch die Lagerhäuser, die eigene Gleisanschlüsse eine Etage über Straßenniveau hatten. Die Waren konnten direkt im Lager auf- oder abgeladen werden. Heute entladen sich die Angestellten oder Bewohner der Hochhäuser in den Park zum Relaxen oder Mittagessen.

Von der 23. Straße aus bin ich dann zurück zu Times Square, habe mir dort ein kleines und reichlich verspätetes Mittagessen organisiert und bin dann die wenigen hundert Meter zum Grand Central Terminal gelaufen, von wo aus ich mit der Bahn zurück nach Bridgeport fuhr. Immerhin war es da schon um 4 Uhr nachmittags und ein ganzer Tag fast vorbei. Allerdings für mich ohne großen Streß und Hektik, einfach nur ein bißchen rumschauen.
Das ist das gleiche, was ich auch am Tag vorher, dem 29. Juli veranstaltet habe, da jedoch nicht allein, sondern mit Marks Frau Beth. Irgendwann morgens sind wir losgefahren Richtung New York, diesmal per Auto und es ging auch nicht in die Stadt rein, sondern aufs Land, zu einem Weingut (würde ich auf Deutsch sagen). Hier wird es als Winery bezeichnet und die stellen hier alles aus Früchten her, insbesondere den sogenannten Cider - Apfelwein. Natürlich kann man den gleich hier erwerben, an einer Verkostung teilnehmen oder in den Plantagen rumlaufen. Im Herbst gibt es "Selbstpflücken" von Äpfeln und die Sauere-Gurken-Zeit im Sommer wird mit kleinen Festivals an den Wochenenden überbrückt, zu denen die Städter zu Hunderten anrücken. Die Hoch-Zeit ist aber der Herbst, wenn die Bäume bunt (Indian Summer) und die Äpfel reif werden. Dann wird selbst auf dem Land die Parkplatzsuche schwierig. Jetzt, an den Werktagen im Sommer, hat nicht mal das Weingut-eigene Café geöffnet, und so bestand unser Mittagessen aus zwei Flaschen Cider, einen kleinen Stück Käse für sagenhafte 9 Dollar und einer halben Packung Cracker. Mehr an Essen war aus dem Laden nicht rauszubekommen. Soweit mal zu zwei entspanten Tagen.

"Straßentheater"