21 Juli 2015

Der Canyon de Chelly

Da ich in meinem derzeitigen Quartier, Chinle, 2 Nächte gebucht habe, konnte ich heute den ganzen Tag ohne Ab- und Anreisedruck verbringen. Gleich hinter dem Hotel liegt das Canyon de Chelly National Monument und irgendwo hatte ich gelesen, dass man dafür einen Tag einsetzen sollte. So also entsteht meine Reiseplanung: irgendwo was lesen und nachmachen...
Chinle, so dachte ich (weil nicht nachgelesen) ist ein grösseres Kleinstädtchen mit allem, was man so braucht, inkl. Einkaufsmarkt und verschiedenen Restaurants. Weit gefehlt: der Ort hat zwar etwas über 6000 Einwohner, die sind aber über ein riesiges Gebiet verstreut und die meisten Bewohner zählen sich zu den sowieso in der Landschaft lebenden Navajo-Indianern. Somit besteht der eigentliche Ort nur aus einer Schule, ein paar Kirchen, 2 oder 3 Tankstellen und 2 Hotels. Glücklicherweise haben diese jeweils angeschlossene Restaurants, denn sonst wüssten die Gäste nicht, was und vor allem wo es etwas zu Futtern gibt. Das Restaurant in meinem Holdiday Inn, überhaupt das ganze Hotel, ist auch gut in Schuss und recht ordentlich. Selbstverständlich arbeiten hier ausschliesslich Navajos, und ich glaube, diese Hotels sind neben der Gästeunterbringung auch als Arbeitsbeschaffung gebaut worden, denn die Arbeitslosenquote in der Navajo Nation beträgt um die 40% und die Aussichten sind schlecht. Das hängt mit der Abgelegenheit der Landschaft zusammen, andererseits aber auch mit dem Lebensstil der Menschen hier. Das Nachgehen fester Arbeit mit regelmässigen Zeiten gehört nicht zur Lebensart. Genausowenig wie das Anhäufen von Reichtümern oder die Bildung einer privaten Altersvorsorge. Hier lebt man, wie mir scheint, möglichst im Einklag mit der grossartigen Landschaft. Und was braucht man dann mehr??? Die jüngeren sehen das übrigens nicht ganz so und gehen, wenn möglich, auswärts studieren. Diejenigen, die dann tatsächlich zurückkommen, sind gefragte Fachkräfte, zB. im Bauwesen.
Doch zurück zum Canyon de Chelly: der ist seit tausenden von Jahren von verschiedenen Volksgruppen besiedelt worden und auch heute noch leben ältere Navajowie schon ihre Vorfahren am Boden des Canyons inmitten einer Traumkulisse. Dort befinden sich zum Beispiel die etwa 1000 Jahre alten White House Ruins, Zeugnisse der Pueblo-Indianer und von vielen Fotos einigermassen bekannt. Ich hatte das schon vorher mal auf Bildern gesehen und heute dann direkt vor Ort. Vor den Pueblos lebten die Korbmacher hier und vor diesen auch schon andere Ureinwohner. Danach kamen die Hopi und nach den Hopi kamen die Navajo und dann kam der Weisse Mann. Die Navajo wurden nach Streitigkeiten und diversen Indianerkriegen sowie Raubzügen gegen die Spanier und europäische US-Amerikaner von US-Truppen und anderen Indianerstämmen vertrieben - gelinde gesagt. Erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts konnten sie wieder in ihr angestammtes Gebiet zurückkehren.


Pueblo-Ruinen

Ich habe heute den Wanderweg vom Canyonrand zum Boden genommen, ein ca. 1.5 Meilen langer Abstieg mit kurzer Besichtigung und Wiederaufstieg. Eine kleine Wanderübung. Anschliessend habe ich dann noch die verschiedenen Overlooks abgeklappert, an denen jeweils ein Handwerksstand aufgebaut war und an jedem muss man mit den Standbetreibern ins Gespräch kommen und die jeweils gleiche Geschichte erzählen und die gleichen Fragen beantworten: Von wo kommst du? Bist du das erste Mal hier (Ja > Herzlich willkommen), Wie lange bleibst du? Wie gefällt dir die Navajo Nation? Kannst du mich mit dem Auto bis nach Chinle mitnehmen? ...

Gegen 16 Uhr war dann für mich Schluss. Ab ins Hotel, duschen, chillen, Abendessen. Morgen früh möchte ich zeitig aufbrechen, denn das Ziel heisst Canyonland National Park und liegt ca. 190 Meilen nordwärts (kleine Fehlpanung...). Dort gibt es wieder hunderte Meilen unpaved Roads und ich werde 2 Tage in der Gegend sein (aber an verschiedenen Orten).


Spider Rock. Der vielleicht prominenteste Felsen im Canyon. 240 Meter hoch.

Canyon de Chelly im schattenwerfenden Morgenlicht...

Noch mehr Canyon unter noch blau-weissem Himmel,
was sich dann aber schnell änderte.

Auch in Arizona gibt's Wetter:
Eine Gewitterfront zieht heran - und später woanders hin.

20 Juli 2015

Vier Staaten in 10 Minuten - und die Ferien beginnen gerade

Jetzt, nach einer Woche Road Trip, merke ich, wie gerade der Erholungseffekt einsetzt: Ich bin in der Zeit angekommen und ich habe Mühe, mir jeden Tag Gedanken über einen neuen Bericht zu machen. Vielleicht liegt es heute und gestern aber auch daran, dass ich einfach viel unterwegs war und es gar nicht so wahnsinnig viel zu berichten gibt.
Immerhin habe ich heute innerhalb weniger Minuten vier Bundesstaaten bereist: Arizona, New Mexico, Colorado und Utah. (Leider war kein neuer dabei, in allen war ich früher schon einmal.) Wie das geht? Einfache Lösung: wenn diese vier an einem Punkt aufeinander treffen. Und in den USA gibt es so einen Punkt nur einmal, deshalb wird daraus gleich ein kleines Besucherhighlight - mit Eintrittsgeld. An den "Four Corners" in - ja, worin eigentlich??? - gibt es deshalb einen kleinen Park um den Punkt, der mit Fahnen und Metallbändern im Boden markiert ist. Und da die Amerikaner vorbildliche Schlangensteher sind, reihten sich auch heute etwa 150 Leute ein, damit jeder mal auf dem Schnittpunkt sitzen oder stehen und sich fotografieren lassen kann. Die, die es heute mit sitzen (in kurzen Hosen und Röcken versucht haben, sind aber ganz flott wieder aufgestanden. (Metall erwärmt sich ja so verdammt schnell). Der ganze Ort ist eingerahmt von Verkaufskiosken der Navajo (der grösste noch existierende Indianderstamm in Nordamerika und Eigentümer des Geländes). Hier wird alles, was sich indianische Handwerkskunst nennt, feilgeboten und scheinbar lohnt es sich auch.
Vor den Four Corners habe ich die Nacht in Taos, New Mexico, verbracht und vor Taos war ich in Guymon in Oklahoma. Es liegt also schon eine ganz schöne Strecke hinter mir und vor allem in den vergangenen zwei Tagen habe ich sehr viele Meilen runtergerissen.
Auch die Landschaft hat sich natürlich verändert. In Guymon, mitten im Oklahoma Panhandle, war es flach und die Landschaft gigantisch weit, doch noch vor der Grenze zu New Mexico (Land of Enchantment - Land der Verzauberung) änderte sich das Bild und es gab Canyons, Tafelberge, Mesas usw. Taos dann liegt schon inmitten der Rocky Mountains und mein Übernachtungsort für heute und morgen ist Chinle, am Übergang zur Wüste und schon in Arizona. Von hier aus habe ich heute abend bereits die ganze nächste Woche geplant. Das entspricht zwar nicht meinem bisherigen Ferien-Verhalten, aber es liegen einige an Orten leere Landschaften vor mir und da wollte ich lieber kein Risiko eingehen. Ich möchte auch unbedingt noch ein paar Orte anschauen, die in all den Jahren links und rechts liegenbleiben mussten.
Morgen geht es deshalb los mit dem Canyon de Chelley, der gleich hinter dem Hotel beginnt.


Auf dem Dry Cimarron Highway - endlose Meilen unpaved im
Land der Verzauberung...

Zauberberg - New Mexico

Historic Folsom Hotel...

Kann man da hoch??? - Natürlich - es geht sogar eine Strasse rauf,
bloss musste ich mich 25 Minuten gedulden, wegen Überfüllung -
das Capulin Vulcano National Monument

New Mexico unter Blau-Weiss

Am Kraterrand

Die Four Corners

Im Land der roten Felsen

Dicke Backen - So sieht es aus, wenn man mit einer Chipstüte auf 3.100 Meter hochfährt.


18 Juli 2015

Es kann nicht ...

... jeden Tag einen neuen Bericht geben. Aber dafür ein paar Fotos von der gestrigen Etappe durch die Great Plains (andere Bezeichnungen: Nationale Grasreserve, Billardplatte, The Middle of Nowhere... usw.)
Heute, d.h., wenn ich mit den Fotos fertig bin, geht es Richtung Westen bis nach Taos, das bereits in den Rocky Mountains liegt und dann morgen geht es in die Wüste. In Chinle, Arizona, werde ich 2 Nächte bleiben und einen Ruhetag einlegen.


Flaches Land: Oklahoma

Die Prärie - oder Nationale Gras-Reserve...

Katholische Kirche im Irgendwo. Ich habe seit dieser Reise den GPS-Empfänger
an der Kamera, der zu jedem Bild die Koordinaten mitspeichert. Leider weiss ich noch
nicht, wie ich die einfach auswerten kann. Das kommt aber noch.

17 Juli 2015

Nochmal Dodge City und dann Oklahoma City

Also nochmal Dodge City: es kam ja gestern nicht mehr zu einem ausführlichen Bericht und heute morgen war ich hauptsächlich damit beschäftigt, mich in meiner Frühstückspension wohlzufühlen. Dabei hat das Städtchen noch ausserordentlich mehr zu bieten, jedoch muss man irgendwie ein Western-Fan sein. Mein B&B-Hausvater empfahl mir zum Beispiel das Shooting um 19 Uhr, wahrscheinlich ausgetragen zwischen Wyatt Earp und ein paar Ganoven auf der Front Road vor den nachgebauten Western-Häusern. Und dann sind da natürlich noch die Rinder, die sich in ihren Feedyards vollfuttern müssen, bevor sie zur "Büffeluniversität" gebracht werden. Wer hat das Zitateraten vor gestern bestanden? Also kurzum: Dodge City ist geschichtsträchtig und im ganzen US-Land bekannt: wegen der Revolverhelden des Wilden Westens und der Beef-Produktion bis heute.
Zu erstgenanntem: Bezüglich der "guten" alten Cowboy-Zeit, die wir nur aus dem Fernsehen und aus Büchern von Karl May kennen, gibt es hier in Dodge City eine nachgebaute Western-Stadt mit Western-Saloon, Barbier-Stube, Life-Photo-Shooting und Shooting am Abend, jedoch mit Platzpatronen. Die Western-Stadt ist super: jedes Haus hat seinen eigenen Laden, vom Saloon bis zur Zeitungsdruckerei, ganz wie im 19. Jahrhundert und mit Hinweisschild: "Bitte schiessen Sie nicht auf den Klavierspieler, er tut sein Bestes... Die Nachbauten sind so gut gelungen, dass diverse Film- und Serienproduktionen hier gedreht wurden. Und wenn nicht dauernd Touristen wie ich durchs Bild laufen würden, dann würde es - in Schwarzweiss - auch ganz Original aussehen.
Auf dem Boot Hill Cemetary liegen die bad boys von damals begraben, wenn sie beim High Noon auf der Front Road zu spät gezogen haben... Ob das aber der echte Friedhof ist mit echten Gebeinen six feet under - ich weiss es nicht. Jedenfalls habe ich mir die Umgebung angeschaut und so bei mir gedacht: die Leute da drüben in dem schönen Haus, die können direkt vom Schlafzimmerbalkon auf den Friedhof schauen. Und nachher, als Enid (meine B&B-Hausmutter) die Vorhänge mit den Worten zurückzog: und hier kannst du auf den Balkon - BINGO: da war das mein Zimmer für eine Nacht. Zufälle gibts, die gibts gar nicht...
Zu Zweiten: Das Rindfleisch von hier wird in die ganze Welt geschafft. Wenn die Tiere sich voll genug gefuttert haben, dann geht es auf Weltreise... Das ganze ist allerdings schon ziemlich absonderlich. Aus der Ferne betrachtet kann von Bio keine Rede sein und beim Gedanken an die Fleisch-Massenproduktion .... naja ... Und aus der Ferne betrachtet, ist das auch nicht ganz geruchlos. An der View-Area (Foto von gestern) hat es doch ganz schön nach Rinder-Ah-Ah gerochen...

Nochmal der Feedyard: hier werden die Rinder gefüttert bis zum Umfallen.

Nach der wunderbaren und langen Nacht bin ich dann heute am Morgen zuerst einmal zum Frühstück aufgebrochen. Enid hatte das ganze wunderbar vorbereitet und ich habe es genossen. Die aufgehende Sonne, kein Stress, Kaffee und Rührei - was will man mehr. Irgendwann kam noch ein Herr in die Pension, wie sich herausstellte, ein pensionierter echter US Marshall in Dienstbekleidung: Mit Hut, Stiefeln mit Sporen und Leder-Halsband Und mit Stern. Leider hatten wir nur wenig Zeit zum Schwätzen, aber er wird mir noch ein Buch zur Geschichte von Dodge City schicken und ich habe ihn gefragt, wo ich einen so tollen Western-Hut herbekomme, wie er einen hatte. Und den habe ich mir dann tatsächlich noch gekauft: einen echten Stetson Cowboy-Hut für schlappe ... naja, ich sage mal nicht, was der gekostet hat. Und wie ich den ins Flugzeug und wieder herausbekomme, das weiss ich auch noch nicht. Aber erstmal haben!

Dodge City Front Road - hier findet das Shooting statt - jeden Abend 19 Uhr ... oder so...

In der Bank von Dodge City. Ich erinnere mich daran, dass ich Anfang der 90er Jahre
(des 20 Jahrhunderts!) an genau solchen Plätzen meine Einzahlungsscheine
bei der Kreissparkasse in Halberstadt ausgesschrieben habe... :) 

Den Rest des Tages habe ich dann mit Autofahren verbracht. Das heutige Ziel: Oklahoma City, bereits jenseits der Staatengrenze und jenseits von unzähligen kleinen Ortschaften und Städchen in Kansas. Heute bin ich auch mehr mit den Einheimischen ins Gespräch gekommen. Die Lösung: beim Fotografieren aus dem Auto aussteigen... besonders, wenn gerade jemand vorbeifährt. Oftmals halten die Leute an und fragen, ob Hilfe etc. nötig ist.

Das wissen wir alle: Never Ever Feed The Bears!!! 


Das Fotomachen dieses typischen Kansas-Wasserturms brachte eine Passantin dazu,
mich zu fragen, ob ich Beziehungen zu Bucklin, Kansas habe.

Katholische Kirche im Nirgendwo. Ich muss noch rausfinden, wo genau das war.

B&B in Dodge City: jedem anempfohlen, der hier mal übernachten möchte:
Boot Hill Bed&Breakfast

Filmzitate-Raten #1133:
"Aber nicht doch. Der ist für Ihren Sarg. Die Wetten stehen 3:1 gegen Sie, da muss man doch vorbereitet sein."
Der Dodge City Undertaker Laden...


16 Juli 2015

Dodge City, Kansas

Gestern gab es keinen neuen Bericht, ich war einfach zu müde. Irgendwie hat mich doch eine kleine Erkältung erwischt und da dachte ich mir, ich lege mich gegen 20 Uhr in die Heia. Tatsächlich habe ich dann (bis auf eine Unterbrechung) bis 6.00 Uhr heute morgen durchgeschlafen und jetzt geht es schon wieder viel besser. Wer jetzt schon mehr über die geschichtsträchtige Stadt Dodge City wissen möchte, sei auf die Wikipedia verwiesen.
Die Tatsachen über Dodge City müssen also noch etwas warten, denn in den nächsten Minuten werde ich meine schöne Frühstückspension (bed & breakfast) verlassen und mich heute nochmal Richtung Südosten aufmachen. Ab morgen dann soll es im wesentlichen nur noch nach Westen gehen. Mehr dazu also später.


Feedyard in der Nähe von Dodge City: das hat die Stadt berühmt gemacht.
Hier werden die Rinder angefüttert und dann geht es per Truck oder
Eisenbahn zum Abschlussexamen an die Büffeluniversität (<= Serienzitate-Raten #1132...)

Ordnung muss sein. Dazu zählt eine absolut unmissverständliche Darstellung
der Öffnungszeiten an Wochentagen und an Sonntagen...

Meine heutige Unterkunft, bzw. der Frühstücksraum.
Unterscheidet sich doch deutlich von den ganzen Hotels...
................

Naja, ich will mal nicht so sein und gebe gleich die Auflösung des Zitate-Ratens dazu:




15 Juli 2015

Ganz im Zentrum

Wenn Kansas und die umliegenden Staaten das Herz der USA sind, dann ist das kleine Örtchen Lebanon die Mitte von allem, die Mitte aller Dinge und irgendwie vielleicht auch das Ziel aller Wege.
Manche Menschen fragen sich ja gelegentlich, wo das Zentrum eines Landes, eines Kontinent usw. ist. Und wenn die Frage lange genug gereift ist, wird die Antwort darauf vermessen (im technischen Wortsinne!). So auch in den USA. Herausgekommen ist, dass das Zentrum der zusammenhängenden US-Bundesstaaten ca. 2 Meilen nordwestlich von Lebanon/Kansas liegt. Somit übrigens auch mal wieder ziemlich in der Mitte von nichts (aber das habe ich in den vergangenen Jahren schon öfter über andere Orte geschrieben...). Markiert wurde der Platz mit einem Vermessungspunkt, natürlich mit Flagge obendrauf, einer Kapelle, die hier, im Bible Belt nie fehlen darf und einem Picknickplatz mit Grillständen, der selbstverständlich auch nicht fehlen darf. Heute wurde er sogar benutzt. Als ich ankam, war eine Gruppe bereits ausgiebig am sich vergnügen bei Salat und Steaks. Und ich dachte noch, dass der Ort so einsam ist, dass ich dort ganz in Ruhe allein meditieren könnte... Später kam sogar noch ein Vater mit seinem Sohn, mit denen ich kurz geschwätzt habe und dann, noch etwas später noch eine Familie. Abgeschiedenheit hin oder her, der Ort scheint doch einigermassen bekannt zu sein und in gewisser Weise auch ein kleines Highlight für Ausflügler.


Gottes eigenes - eigenwilliges Land: Am Center of the US

Mein Ausflug hierher hat ca. 3 Stunden Anreise gebraucht, teilweise abseits der Überlandstrassen und wieder durch die kleineren Ortschaften, die so schöne Namen haben wie z.B. Concordia oder Kensington oder Belleville. Die Leute hier, vor allem in den Kleinstädten wie zB. Concordia scheinen auch so richtig stolz auf ihre Heimat zu sein. Nicht nur, dass überall die Farben Blau-Weiss-Rot und das Sternenbanner zu sehen sind. Die Parks sind akkurat gepflegt, haben öffentliche und funktionierende WC's und die Strassen in den normalen Wohngebieten sind pikobello sauber und gepflegt. Und die Leute begrüssen sich und Fremde! Und überhaupt, wenn man durch die Ortschaften fährt, wird man sogar von den Autofahrern durch Zuwinken begrüsst. Ist das nicht herzlich?
Zurück zum Zentrum: auf die Idee bin ich schon vor einer ganzen Weile gekommen, und zwar genau so, wie oben beschrieben und anschliessend mit Hilfe von Google ermittelt. In Google Streetview habe ich mir den Ort sogar schon aus der Autofahrer-Sicht angeschaut, doch nun hier und höchstselbst anzukommen, war schon nett, auch wenn die Anreise doch recht lang und die Gegend recht einsam ist. Immerhin, in Lebanon sollte es im örtlichen Einkaufsladen noch Souveniers geben. Also da hin. Das einzige Geschäft, welches überhaupt noch in Betrieb ist auf der 1-Meilen-langen "Geschäftsstrasse". Und das war wieder mal so ein richtiger amerikanischer Tante-Emma-Laden: alles ein bisschen runtergekommen, die Schilder und Preis-Auszeichnungen vergilbt, im hinteren Teil des Ladens kümmert sich eine Frau um das Baby einer Angestellten (?), während vorne an die örtlichen Rentner Burger und Fritten ausgegeben werden. Das beste aber war die Fleischer-Abteilung. Ich war ja vor zwei Tagen in Saint Joseph im Patee House mit der nachgebildeten Ladenzeile von Anno Dazumals. Hier, in Lebanon, Kansas ist die Zeit stehengeblieben: Neben Ladenregalen mit Haushaltsbedarf, Glühbirnen, Rohrzangen und Waschmittel und Gummistiefeln wird Fleisch geklopft und zu Gehaktem verarbeitet. Echt, dass ich sowas nochmal sehen durfte... Ich habe mich nicht getraut zu fotografieren...
Immerhin ist der ganze Ort mit kostenlosem WLAN abgedeckt, dass durch einen Funkturm im Dorf verteilt wird.

Und so sieht Google StreetView das Center of the US:


Und noch ein paar Bilder des heutigen Tages:

Das Zentrum der zusammenhängenden US-Bundesstaaten
(also ohne die Freakstaaten: Alaska und Hawaii)

Community Center - also das Dorfgemeinschaftshaus.
Steht in jedem Örtchen und ist meist nett herausgeputzt und in Schuss


Lebanon City Hall, erbaut 1924. Wann sie geschlossen wurde, steht nicht dabei,
aber gegenüber steht das heutige Verwaltungshäuschen mit Bibliothek
und Gemeinschaftshaus. Im Container-Baustil...

Landwirtschaft - in Betrieb oder nicht? Ich hab's nicht herausgefunden.

Concordia Scandia, Kansas









14 Juli 2015

Durchs Herz

Das wahre, das ursprüngliche, fromme und konservative und den alten Werten verbundene Amerika soll hier irgendwo liegen: im Mittleren Westen. In den Weiten der Graslandschaften und zwischen den grünen Hügeln. Verkörpert durch hart abeitende, ehrliche, gottesfürchtige Farmer und deren ebenso ehrbare Frauen und artigen Kinder. Hier, weitab von Washington, dem Zentrum aller Bürokratie und genügend weit ab von den Metropolen im Westen, die ja doch nicht anderes zu bieten haben, als Vergnügen (Hollywood), Geld machen (Silicon Valley) und Sünde (Las Vegas), hier also soll es irgendwo versteckt sein, das urwüchsige Amerika. Von Gott selbst geschenkt (nachdem die Indianer fortgeschafft oder umgebracht waren). Durch entbehrungsreiche Expeditionen erkundet und durch harte Arbeit urbar gemacht... usw. usf.
So ungefähr hört es sich an, wenn man die Geschichtszusammenfassungen liest, natürlich mit Ausnahme der unrühmlichen Indianerpolitik. Alles etwas pathetisch und patriotisch. Vor jedem Haus die Flagge, manchmal auch die der Konföderierten, die kürzlich erst und endgültig vom State Capitol von South Carolina entfernt wurde. Und das ganze ist hier meiner Meinung nach tatsächlich das Mittendrin der USA, sozusagen das Herz dieses grossen Landes, das ich heute ein klein wenig erkundet habe und morgen noch etwa mehr erforschen will. Wenn man erstmal die Autobahn (Interstate) verlassen hat und möglicherweise auch noch die asphaltierten Landstrassen, dann kommt man in die kleinsten Städtchen und Dörfer von Kansas, die verstreut zwischen endlosen Graslandschaften, Maisfeldern und kleinen Wäldchen liegen. Putzige, herausgeputzte Ortschaften ("Grundstück des Monats" in einem Dorf, so klein, dass jeder pro Jahr einmal dran ist mit dieser Ehre...) oder verlotterte Ansammlungen von verlassenen Häusern und bewohnten Trailern (grosse Wohnwagen). Und über allem lag heute, wie wahrscheinlich an jedem Sommertag eine drückende Hitze von knapp über 30 Grad. In manchen Orten waren Menschen nur an den riesigen Siloanlagen zu sehen, sonst waren die Strassen leer.
Ursprünglich hatte ich für heute etwas anderes vorgesehen, doch das Vorhaben wurde dann kurzerhand auf zwei Tage aufgeteilt und statt der langweiligen Interstate habe ich die Landstrassen durch das oben beschriebene wahre Amerika genommen.
Leider kommt man mit den Leuten schlecht ins Gespräch, wenn die alle in ihren klimatisierten Häusern hocken oder auf einem Trecker unterwegs sind oder gar nicht zu Hause (hier sind nämlich auch Ferien). Somit habe ich einer ganzen Reihe von Ortschaften einen reinen Foto-Besuch abgestattet und brauchte selber nicht mal das Auto zu verlassen. Knipsen aus dem offenen Fenster heraus, ganz sportlich. In einem Ort, dessen Name ich jetzt gerade vergessen habe, gab es ein "Café" mit einer Werbefahne aussen dran: "The Party is here". Also da mal rein, ich dachte, es sei so etwas wie eine Kneipe, doch es war ganz anders. Es war ein kleines Bistro mit Mittagessen-Angebot, in dem auch ein paar Leute sassen: Rentner auf Zeitvertreib und Arbeiter, die zur Mittagspause hier waren. Ich fühlte mich wegen der WC-Benutzung verpflichtet, auch etwas zu konsumieren und bekam dann einen fettigen Burger in einem Plastekörbchen mit eingelegtem Butterbrotpapier serviert. "Your wonderful Lunch" sagte der Koch noch überzeugt, als er mir selbst servierte. Naja, es gab schon bessere Mittagessen, die weniger schwer im Magen lagen...
Schlussendlich bin ich dann nach einigen Umwegen in Abilene/Kansas gelandet. "A Town That Raised a President": Dwight D. Eisenhower. Doch geboren ist er hier nicht, wer wird schon in Abilene geboren, fragt man sich... Immerhin hat er etwa 18 Jahre, seine ganze Kindheit und Jugend hier gelebt und das reicht, damit sich ein Städtchen wie dieses den oben genannten Spruch zulegen kann - jedenfalls in Amerika reicht das.
Mir stand dann allerdings nicht mehr der Sinn nach Entdeckungstour. Eine Rundfahrt durch die Downtown zeigte mir auch an, dass die Geschäfte schon geschlossen waren (17 Uhr). So wird Abilene von mir nichts mehr haben, denn morgen früh geht es recht bald weiter. Mein Zeitgefühl ist noch ganz durcheinander, folglich beginnt bei mir der Tag morgens um 3 Uhr während ich jetzt, um 20 Uhr schon ins Bett fallen könnte und gleich auch werde.
Morgen fahre ich noch ein Stück weiter nach Norden ins Zentrum des Herzens und dann wieder gen Süden.
Übrigens ist Kansas sooo gross, dass ein vorgenommenes Ziel gestrichen wurde: Coffeyville, an der südöstlichen Grenze zu Oklahoma. Hier kamen die Dalton-Brüder ums Leben bei dem Versuch, gleich zwei Banken auf einmal auszurauben. Wer aufmerksam Lucky Luke-Hefte liest, kennt immerhin die Vettern Dalton, auf deren Köpfe maximum 5 Dollar ausgesetzt waren...

Bankenkrise (Foto steht ein bisschen schief, aber das sagt ja auch was aus...)

Kansas - früher gab es noch die offenen Landschaften, heute ist alles eingezäunt.
Kein Durchkommen mehr für wandernde Tierarten

Gypsum/Kansas - auf dem Wasserturm steht der Ortsname, deshalb weiss ich ihn.
(Obwohl jetzt alle meine Bilder auch die GPS-Koordinaten von dem
Zusatzgerät an der Kamera bekommen)

Immerhin Solarzellen...

Kirche in Hope/Kansas - "Nomen est Omen" oder wie sagt man?

Red Bull in White City, Kansas. Sie werden wissen, warum...



13 Juli 2015

Unterwegs mit dem Pony Express

Bereits seit meiner ersten Reise in den US-Westen (im Jahr 2008) hat mich immer wieder die zweite Besiedlungsgeschichte* Amerikas verfolgt: Von Lewis und Clark, dem Old Spanish Trail über den Mormon Trail bis zum Pony Express am heutigen Tage.
Eigentlich hatte ich mir vorgestellt, dem Startpunkt der Pony-Reiter von 1860 einen ganzen Tag zu widmen, doch heute morgen war ich aufgrund der Zeitumstellung (Uhr, aber nicht Gewohnheit) wieder mal sehr früh wach und dementsprechend lag der ganze Tag vor mir. Das entsprechende Städtchen liegt etwa 60 Meilen nördlich meines Hotels. Gegen 10.30 Uhr war der obligatorische Walmart-Einkauf abgeschlossen und der Rest des Sonntages "frei". Damit fiel mir die Entscheidung eines Abstechers nicht so schwer und im Nachhinein war das ganz gut, denn ein ganzer Tag für St. Joseph und seinen Ponyreitern wäre dann doch etwas viel gewesen.
Der Pony Express war ab dem April 1860 eine Eilpostverbindung zwischen dem östlichen Ende des Wilden Westens (oder dem Westlichen Ende der damaligen Zivilisation) und den bereits besiedelten Gebieten ganz im Westen des Kontinents. Handy, Mail und Satelliten gab es damals nicht, also mussten Briefe physisch vom Absender zum Empfänger gelangen. Die Reiter des Pony Express schafften die Strecke von 3.100 Kilometern in sagenhaften 10 Tagen: mit Reitern, die sich alle paar Hundert Kilometer abwechselten, einer Kette von Wechselstationen und Nachtlagern und einer auch sonst gut durchdachten Logistik. Blöd nur, dass im Oktober 1861 die erste transkontinentale Telegrafenleitung ihren Betrieb aufnahm. Schlagartig bestand für die Ponys kein Bedarf mehr. Und auch die Operateure der Fernmeldeämter hatten es sicher sehr viel einfacher, allein schon wegen des festen Arbeitsplatzes. Ponyreiter durften nicht älter als 18 sein, nicht schwerer als 60 Kilogramm und sollten günstigerweise ledig und abkömmlich sein...


Die Pony Express Route: ganz rechts ist noch die Stadt St. Joseph als Startpunkt zu erkennen.
Jeder rote Punkt markiert eine Wechselstation entlang der Strecke bis Sacramento in Kalifornien.

In St. Joseph, dem damaligen Startpunkt der Route, befindet sich heute in den Gebäuden von damals ein kleines Museum mit hölzernen Pferden und Reitern und einer ganzen Menge Gegenstände aus der guten Alten Zeit, die ja auch als die Pionierzeit Amerikas angesehen wird.
Das ganze Unternehmen war, auch mit Blick auf die nur etwas mehr als einjährige Betriebsgeschichte, ein finanzielles Desaster. Trotzdem haben sich die Gründer einen schönen Kasten als Headquarter in das Zentrum von St. Joseph gestellt. Ein viergeschossiger Backsteinbau im viktorianischen Stil mit Ballsaal und repräsentativer Eingangshalle. Gleich neben dem Wohnhaus von Jesse James.  Korrektur siehe unten!
Auch in diesem Gebäude ist heute ein privates Museum untergebracht mit einer unglaublichen Fülle an Gegenständen aus dem 19. Jahrhundert, angefangen von einer kompletten Dampflok mit Postwagen bis hin zu Blechspielzeug und einem nachgestalteten Strassenzug aus dem St. Joseph der 1860er Jahre. Die Kitsch- und Kram-Liebhaber hätten ihre helle Freude an der Sammlung.
Nach den beiden Museen ging es für mich dann zurück nach Kansas.
Vielleicht hat mich jetzt doch auch die Ferien-Anfangskrankheit erwischt. Irgendwie fühle ich mich etwas schlapp und müde. Oder ist es auch wieder mal mangelnde Flüssigkeitszufuhr. Trotzdem werde ich morgen den Sprung auf's Land machen und ein Stück weiter Richtung Westen fahren. Im Moment soll es mal reichen. Vielleicht kommen im Laufe der Zeit noch ein paar mehr Bilder.


Das Pony-Express-Hauptquartier: für ein Unternehmen, dass schon nach knapp über einem Jahr
schliessen musste, nicht schlecht.
Es wäre nicht schlecht gewesen, aber simmt leider nicht ganz, siehe Korrektur

Korrektur (Montag, 13. Juli 2015, 6.00 Uhr): Das Gebäude, das Patee House, hat noch eine weit bewegtere Geschichte aufzuweisen und ist eben leider nicht als Hauptquatier erbaut worden, sondern als Luxushotel. Das wäre auch zu absonderlich gewesen. der Pony Express hatte hier nur ein paar Büros gemietet und die Reiter haben im Hotel übernachtet. Das muss man sich dann bildlich vorstellen, wenn diese abgerissenen staubigen Typen durch eine Schar gutgekleideter quasselnder Bürgerdamen in der Eingangslobby drängen... aber die hatten sicher einen Hintereingang.
Und auch das Wohnhaus von Jesse James steht nicht am ursprünglichen Ort, sondern wurde später hierher versetzt. Für mehr und bessere Informationen bitte den Wikipedia-Link anschauen.



* Die zweite Besiedlung deswegen, weil man ja nicht vergessen darf, dass der Kontinent keineswegs unbewohnt war, als die Europäer eintrafen. Die Vertreibung der indianischen Ureinwohner gehört zu den unrühmlichen Teilen der amerikanischen Neuzeit-Geschichte.


Noch ein paar Glühbirnen aus der guten Alten Zeit. Wenn man bedenkt, wovon wir uns so alles schon verabschieden mussten, wirkt doch die Diskussion um das Ende der Glühbirne ein wenig kleinlich...