16 Oktober 2017

Quirlig-laut und ohne (?) Plan

Bevor es losgeht: ich habe diesmal viele Bilder hochgeladen und spare mir die Mühe des Platzierens. Sie kommen alle unter dem Text!

Ganz so, wie es die Überschrift mit Fragezeichen beschreibt, ist es nicht. Irgendwer hat sich einiges ausgedacht, während die Stadt Saigon entstand. Immerhin leben an dem Ort seit mehreren tausend Jahren Menschen. Wenn man aber einen Stadtspaziergang macht, kommt einem schon ab und zu der ganz mitteleuropäische Gedanke: "wo ist die Ordnung in dem Ganzen?" Du stehst an einer Strassenkreuzung ohne Ampel (immerhin gibt es jetzt welche auch in Saigon) und fragst dich, wie es geht, dass alle Richtungen gleichzeitig fahren und kein Moped mit einem anderen zusammenstösst. Du läufst durch einen Markt, der Weg zwischen den Ständen ist vielleicht 2 Meter breit und übervölkert und trotzdem schaffen es Leute, mit wiederum ihren Töffs in beiden Richtungen (!) zusätzlich unterwegs zu sein. Du stehst an einer Kreuzung, dein Blick fällt auf einen Strommasten, an dem ein grosses Kabelgewirr hängt und trotzdem hat nahezu jede Familie Strom. Die Lösung in letzterem Beispiel ist relativ einfach: wenn ein neuer Kunde kommt, wird einfach ein neues Kabel verlegt. Wahrscheinlich bleibt das alte dann einfach tot hängen. Die anderen Probleme lassen sich mit der deutschen oder schweizerischen Rechtsordnung nicht klären. Muss vielleicht auch nicht sein. In Saigon leben trotzdem über 8 Millionen Menschen.

Wie so häufig reichen ein paar Tage schlecht aus, um die Stadt etwas tiefer zu ergründen. Immerhin habe ich meinen Guide Jerry an meiner Seite, der mir nicht nur fürsorglich die Strasse beim Überqueren freihält, sondern auch das Programm professionell abwickelt und den Weg kennt. So habe ich am gestrigen Sonntag eine Stadtrundfahrt mit wichtigen Highlights erhalten und die wunderschönen Gebäude aus der französischen Kolonialzeit gesehen, wie zum Beispiel das Postamt. Früher war das ein Bahnhof und heute ist es wieder eine grosse Poststelle mit Andenkenläden und - wie es sich für ein kommunistisch regiertes Land gehört - einem grossen Bildnis von Ho Chi Minh an der Stirnseite der Haupthalle. Die Telefonzellen, die zu jedem Postamt gehören, beherbergen heute Geldautomaten...
Der frührere Präsidentenpalast - heute genannt: der Wiedervereinigungspalast - ist ein modernes Bauwerk aus den 60er Jahren. Der Name lässt etwas Propaganda vermuten, doch das hielt sich letztlich in Grenzen. Im Parkgelände ausgestellt waren lediglich 2 Panzer, die am 1. Mai 1975 das Tor zum Gelände durchbrachen und damit die Eroberung ganz Vietnams durch die Volksbefreiungsarmee komplett machten. Im Palast, den der damalige Präsident fluchtartig verlassen hat, kann man heute die Kabinettsräume, das Büro des Präsidenten, sein Schlafzimmer, das seiner Gattin und den Bunker im Keller besichtigen. Alles fein säuberlich instand gehalten. Nur für die Wiederherstellung der Grossen Treppe in der Eingangshalle wollte die Regierung offenbar kein Geld ausgeben. Nach ihrer Zerstörung (das einzige, was 1975 zerstört hier wurde) gab es nur einen Pappmasché-Neubau für das Auge. Alle Besucher müssen sich über die Dienstbotentreppen ins Obergeschoss bemühen.
Abgesehen von der Geschichte, die dieser Ort mit sich trägt, ist das Gebäude ein eigentlich wunderschönes Stück moderner Architektur. Luftig und offen, die raumhohen Fenster hinter den Betonsäulen lassen sich im Ganzen öffnen, so dass immer ein leichter Wind durch das Gebäude weht. Eine natürliche Klimatisierung in diesem tropischen Land.
Nur im Grossen Versammlungsraum mit einer absurden Mischung aus Plüsch in Rot und Gold wacht Ho Chi Minh, der zum Zeitpunkt des Kriegsendes bereits ein paar Jahre tot war, über den Kommunismus in seinem Land. Sicher lächelt er auch weiter milde, wenn in dem Saal jährlich junge Paare zu einer gemeinsamen Hochzeit (?) eingeladen werden oder der Raum von grossen Konzernen für Firmen-Events gemietet wird, wie mir Jerry wissen liess - pecunia non olet...

Es gibt noch mehr zu sehen und zu bestaunen, im positiven Sinne wie auch im erschreckenden. Zu letzterer Gelegenheit zählt sicher das War Remnats Museum - Kriegsopfermuseum. Bis 1995 hiess es noch Ausstellungshaus für Kriegsverbrechen und Aggression und davor bis 1990 Ausstellungshaus für die Kriegsverbrechen der USA und ihrer Marionettenregierung. Die Zeiten haben sich geändert... Die Gegner in einem der fürchterlichsten Kriege unserer Zeit haben seit 1995 einen fast unglaublichen Versöhnungsprozess geleistet und sind heute, wenn nicht gerade Verbündete, so doch mindestens von gemeinsamen Interessen geleitet. Das Kriegsopfermuseum hat sich dem Wandel der Zeit angepasst, wenn es auch nicht den Inhalt der Ausstellung gross geändert hat. Man darf auch annehmen, dass in dem ganzen ebenfalls ein tüchtiger Schuss Propaganda steckt. Andererseits ist der Vietnamkrieg zwischen dem Norden und Süden Vietnams sowie den USA gut durch die westliche Presse dokumentiert und man muss dem nichts hinzufügen. Die Ausstellung heute umfasst die bekannten Themen und ein wenig auch etwas von den Fortschritten der letzten 20 Jahre. Besonders beeindruckend: das Requiem. Bilder von westlichen Kriegsreportern, die in westlichen Zeitungen veröffentlicht wurden und bei denen man sich fragt, wieso das ganze furchtbare Drama eigentlich bis 1975 dauern konnte.

Neben verschiedenen Tempeln, die es in Saigon durchaus auch gibt, standen auch mehrmals Besuche auf Märkten statt. Zunehmend machen mir solche Besuche richtig Spass und erlauben mir, das Stadtleben kennenzulernen: das der Touristen auf den Kitsch- und Krempel-Andenken-Märkten. Und das der Einheimischen auf Märkten, wo es eigentlich nur das gibt, was die Bewohner Saigons zum täglichen Leben brauchen: Fisch und Fleisch von der offenen "Theke", Anziehsachen, Unmengen von Obst und Gemüse, Moped-Ersatzteile und Fake-Uhren. Die Menschen in einer Nachbarschaft leben und wirtschaften in einer Art Mikroökonomie: sie kaufen und verkaufen innerhalb ihres Wohngebietes, leben hinter und über ihren winzigen Läden und tun das von der Hand in den Mund - ziemlich ärmlich. Für uns aus dem Westen mag das etwas befremdlich aussehen. Aber das sind genau die Gesellschaftsstrukturen, die in China grossflächig zerstört werden, indem man diese Wohn- und Marktgebiete plattmacht und den Leuten Wohnung, Einkommen und soziales Umfeld wegnimmt. Was ist nun besser?
In Vietnam geht alles etwas langsamer vonstatten als in China, aber ich habe keinen Zweifel, dass zu gegebenen Zeitpunkt hier der gleiche Prozess einsetzt, wie beim grossen Nachbarn im Norden. Punktuell begrenzt kann man das auch bereits jetzt sehen.

Morgen geht es für zwei Tage raus aufs Land. Oder besser gesagt: auf das Wasser. Ich erfülle mir - nun nicht gerade einen Lebenstraum, aber einen Wunsch, der sich aus irgendwas schon seit vielen Jahren genährt hat: eine Bootsfahrt auf dem Mekong.

Postamt im französischen Kolonialstil

Katholische Kathedrale "Notre Dame de Saigon" - heisst aber nicht wirklich so.

So stellen sich Buddhisten in Vietnam die Hölle vor.
Es gibt aber auch einen Gott der Erlösung, der angebetet wird...

Präsidentenpalast - heute "Wiedervereinigungspalast"

Kabinettssaal der "Marionettenregierung"

Und das Büro der obersten Marionette: des südvietnamesischen Präsidenten. 

Empfangszimmer für ausländische Botschafter.

Milde lächelt Ho Chi Minh, Freund aller Kinder
der Deutschen Demokratischen Republik und der Volksrepublik Vietnam....

Chefzimmer im Bunker. Oben war es gemütlicher. Der Chef hat das Zimmer aber auch nie benutzt.
Als der Bedarf 1975 kam, hat er sich gleich nach Amerika evakuieren lassen.

Chefauto. Bevor dieses Exemplar gebraucht nach Südvietnam kam, fuhr es in Deutschland als Taxi...
Hat mir jedenfalls mein Guide so erzählt.

Kriegsopfermuseum - immer müssen die erbeuteten Waffen des besiegten Gegners ausgestellt werden...

Und das ist das verrückte: als Spielzeug werden sie dann wieder gut verkauft.
Was anderes kauft auch keiner...

Markttreiben

Touristenware...

Ware für Einheimische

Drive Through

Sieht es nicht schon sehr katholisch aus?

Noch mehr Farben. So ordentlich kann man Stoffe stapeln...

Und milde lächelt über allem Ho Chi Minh. Haupthalle des Postamtes.


Zum Schluss noch ein historischer Ort: eines der bekanntesten Bilder vom Kriegsende in Vietnam entstand hier:  








14 Oktober 2017

Boomtown Saigon - oder Ho-Chi-Minh-Stadt

Good Morning Vietnam! Oder besser gesagt: Guten Abend Saigon! Inzwischen hat sich nämlich die tropische Nacht über diese Weltstadt, mein letztes Reiseziel, herabgesenkt. Ich benutze gerne den alten Namen, denn der hat so etwas legendäres, von dem ich keine Ahnung habe, was es ist. Ho-Chi-Minh-Stadt klingt so ähnlich wie Karl-Marx-Stadt. DDR-Kinder (wie ich eines war) wissen Bescheid und aus Karl Marx wurde irgendwann Karl Chemnitz. Bloss nicht hier in Vietnam. Der Stadtname ist geblieben, genau wie die KPV. Die Kommunistische Partei hat das Land im Griff und die Stadt ist trotz dem eine pulsierende Millionenmetropole, das wirtschaftliche Zentrum Südostasiens, wenn man vielleicht mal von Shanghai absieht. Eine der am schnellsten wachsenden Städte der Welt - Boomtown. Von Shanghai bin ich heute morgen in aller Frühe aufgebrochen und mit China Southern Airlines nach Saigon geflogen. Das hat auch alles ganz gut geklappt, letztlich auch inklusive der Visum-Formalitäten, die entweder in Deutschland nicht ganz klar kommuniziert sind oder an den Einreiseschaltern in Vietnam nicht ganz bekannt. Ich tippe auf letzteres, denn nach meiner etwas verlegenen Aussage "no visa for german passport holders required" - verpasste mir der Beamte die nötigen Stempel und Kritzeleien in den Pass. Eine spätere Kurzrecherche ergab nichts Neues: deutsche Staatsbürger können ohne vorherig ausgestelltes Visum bis zu 15 Tage nach Vietnam einreisen. Trotzdem kann man ganz schön ins Schwitzen kommen, wenn der Einreisepolizist, nachdem er den Pass durchgeblättert hat, ganz bekümmert fragt, wo denn nun das Visum ist...

Mein Reiseführer Jerry hat mich planmässig am Flughafen abgeholt und zum Hotel gebracht. Den Rest des Nachmittags habe ich mit Schlafen verbracht. Am Abend habe ich mich herausgewagt in eine Stadt, ein Land, in dem die vorherrschende Lebensform das Töff ist. Reiseführer Jerry hat mich schon instruiert:
  1. vergiss alles, was du über mitteleuropäische Verkehrsführung weisst.
  2. nimm dir ein paar Sekunden mehr Zeit zum nach Rechts und Links schauen
  3. Mache nie das nach, was die Einheimischen tun. Sie haben einfach mehr Erfahrung mit dem ganzen...
Wikipedia schreibt das im Artikel über Vietnam noch komprimierter: "In Vietnam herrscht offiziell Rechtsverkehr. In der Regel wird jedoch gefahren, wo gerade Platz ist." Soviel zur hiesigen Strassenverkehrsordnung.

Morgen geht es dann los mit einer kleinen Rundreise in und um Saigon - Good Morning Vietnam!!!!

Ganz ohne einen China-Abschluss komme ich aber nicht aus: die schöne Zeit bei meinem Bruder Ben und seiner Familie ist vorbei und sie bereiten sich jetzt auf den Rück-Umzug nach Deutschland vor. Damit schwinden auch die Chancen, Shanghai noch einmal so einfach zu besuchen. Es war eine tolle, aufschlussreiche, lehrreiche, bereichernde Zeit in China, voriges Jahr und auch dieses Jahr. Meinen persönlichen Abschluss habe ich mit zwei letzten Besuchen in Pudong gemacht und zuerst den berühmten Oriental Pearl Tower besucht und dann am nächsten Tag auch die Aussichtsplattform des Jinmao Tower. Zwei Wolkenkratzer von Weltformat. Auf dem Pearl Tower gab es nochmal Gelegenheit, meine Höhentauglichkeit zu testen: auf dem Skywalk, das heisst auf Glassplatten irgendwo in 300m Höhe über Grund... Man weiss ja eigentlich, dass es gaaaanz sicher ist...


So sieht's aus, wenn man einen Schritt nach draussen tut...


Auch China: ein Elektrofachmarkt.

Winke Winke und Goodbye!

???

11 Oktober 2017

3 Tage Shanghai in aller Kürze

Nach dem Abschluss der schönen Reise nach Nordchina, Provinz Shanxi, bin ich nun mit dem Blogschreiben etwas in Rückstand geraten. Seit Montag stand die Erkundung der Megacity auf dem Programm und wie das bei so grossen Städten ist, muss man sich auf einzelne Punkte konzentrieren bzw. beschränken. Andererseits bieten die chinesischen Städte, egal ob modern oder nicht, auch immer eine Flut von Motiven, interessanten Ecken, Kontrasten. So kann man auch mal irgendwo aus einer U-Bahn früher aussteigen und sich durch ein Viertel treiben lassen. Auf meinem Programm stand als erstes am Montag die - nach 2016 - erneute Besichtigung von The Bund, der langen Uferpromenade gegenüber dem Wolkenkratzerviertel von Pudong – New Manhattan. Wann immer Shanghai in den Medien auftaucht, diese Skyline wird als Foto verwendet und sie ist ja auch beeindruckend. Vor allem, wenn man bedenkt, dass vor 30 Jahren hier nur ärmliche Hütten und qualmende Fabrikschlote standen.

Dummerweise ist genau in dem Moment meine Kamera kaputtgegangen. Für die Experten unter den Lesern: Canon EOS 7D: Error 40. Nichts geht mehr. Sehr schade, so mitten in den Ferien. Somit sind alle folgenden Fotos vom Handy (was auch nicht ganz schlecht funktioniert) und von den Reparaturbemühungen wird noch die Rede sein.

Der folgende Dienstag sollte der Beschaffung von Kitsch gewidmet sein und eben dieser Kamera-Reparatur. In Shanghai gibt es einen grossen Canon-Laden. Also da mal hin. Natürlich hat der Laden genau an diesem Tag wegen Umbau geschlossen. «Gerne begrüssen wir Sie morgen wieder…» oder so ähnlich stand es an der Tür und drinnen waren die Mitarbeiter damit beschäftigt, rumzustehen und anderen zuzusehen, wie sie Regale und Lampen neu aufstellten. Das war also der erste Reparatur-Versuch. Danach ging es fussläufig zurück zum Peoples Square (…) und dem dort befindlichen «Urban Planning Exhibition Center», einer Ausstellung über die Stadtentwicklungsgeschichte Shanghais, der ein ganzes 6-stöckiges Gebäude für ein riesiges Modell der Innenstadt gespendet wurde, zusätzlich angereichert mit Einzelmodellen und vielen Vorher-Nachher-Fotografien. Das war wirklich interessant und so ganz ohne die in China erwartbare Propaganda, wie weise die Partei… und so weiter und so fort.

Beim anschliessenden Besuch im Tibetischen Kloster wollte ich dann endlich für Ben und mich eine kitschige Plastik-Gebetsmühle mit Solarantrieb erwerben, aber denkste. In Datong haben wir das irgendwie verpasst und in Shanghai machen sich diese Sachen wirklich rar. Winkekatzen gibt es fast überall, aber Gebetsmühlen - Fehlanzeige. Jedenfalls nicht an dem nach-neu-gebauten Kloster des Jade-Buddhas mit seinen Mönchen, von denen ich gerne mal die Arbeitsverträge sehen würde… Und dann, heute Mittwoch, bin ich endlich in den Canon-Laden gekommen, nur um mir sagen zu lassen: Wir machen die Reparaturen nicht selbst, aber du kannst in das Canon Quick Response and Repair Center gehen, dort wird dir geholfen, 15 Minuten Fussweg von hier. Super gut gelaufen. Das hätten sie auch an der Tür anschreiben können.
Gestern wäre es noch gut gewesen, heute nämlich hat es praktisch den ganzen Tag geregnet, mal mehr, mal weniger stark. Und bei diesem Repair Center konnten sie mir leider auch nur anbieten, in den nächsten 2 Tagen den Fehler zu finden, dann könne man eine Reparatur abschätzen…. Ehrlich gesagt, habe ich das schon geahnt (und übrigens auch für unser schönes Mitteleuropa nicht anders erwartet). Mit vielen «xièxie» - Danke - sowie meiner kaputten Kamera bin ich also wieder raus in den Regen.

Gelbe Fahrräder werden verladen... Mietfahrräder, die die Leute irgendwo abstellen,
meistens an U-Bahn-Haltestellen

Und dann habe ich noch ein echtes Highlight besucht: Den Gründungsort der Kommunistischen Partei Chinas - quasi auch ein Tempel, ein kommunistischer: mit kommunistischen Buddhas in Form vom bronzenen Mao-Köpfen, Zhou-Enlai-Köpfen, dem heiligen Zimmer, wo die Sitzungen stattfanden, die heilige Küche und den nicht ganz so heiligen Andenkenladen. Im Foyer traf gerade auch eine Schulklasse ein, die gleich erstmal einen Fahnenappell durchgeführt hat. Kennen wir ja noch aus DDR-Zeiten. Positiv ist mir aufgefallen, dass die verbannten und ausgeschlossenen Mitglieder der Ur-KP auch benannt wurden. Nicht wie zu früheren Zeiten, wo man sie einfach aus den Fotos und dem Gedächtnis getilgt hat.

Der schöne Abschluss des Tages fand dann im Cafeteria-Andenkenladen statt: hier gab es die diversen Partei-Devotionalien, CDs von Bob Dylan, die legendären Emaille-Becher, die ich voriges Jahr so vermisst habe. Cappucino und Kaffee war aus (entspricht noch ganz den früheren Parteiprogrammen) und der Verkäufer Nr. 2 im Shop hat sich ganz sozialistisch verhalten: er schlief an der Kasse…


Fahnenappell...

Die Kommunisten-Buddhas.

Und hier sitzen sie und gründen Die Partei. 23. Juli 1921.

Im sozialistischen Himmelsparadies.

"Hamwer nich..." - oder so.


07 Oktober 2017

Weiche Knie und kühne Pläne

Am gestrigen 6. Oktober ist am Abend kein Blogeintrag mehr entstanden. Das lag an der allgemeinen Müdigkeit, die unsere kleine Gruppe nach einem langen Tag erfasst hatte. Zwar reichte es noch für ein Abendessen und nachdem die Kinder im Bett waren für einen Ausklang mit Tsingtao und Sprite, aber danach war Bettzeit für uns alle. Somit teile ich diesen Beitrag in zwei Teile, damit so wenig wie möglich verloren geht.

Nachdem wir uns in den Wutai-Bergen ausgiebig mit dem tibetischen Buddhismus beschäftigt hatten, mussten wir am Freitag Morgen Abschied nehmen von den Bergen. Eine Passüberfahrt gab es noch, anschliessend ging es bergab ins Flachland, vorbei an verlassenen Dörfern und Dörfern, die aussahen, als würden sie bald verlassen sein. Weiterhin vorbei an unzähligen Lkw-Werkstätten: lange Halle entlang der Strasse vor denen staubige 40-Tonner mit offenem Motor oder platten Reifen darauf warten, wieder fahrtüchtig gemacht zu werden. Dazwischen das sozialistische Arbeitskollektiv, wie es nur Ostdeutsche noch kennen: ein paar sitzen rum, zwei arbeiten und die Frau aus dem Büro bringt Tee...

Nach einer mehrstündigen Fahrt kamen wir dann zu unserem Tagesziel: ein Ort, der zwar nicht in der UNESCO Welterbeliste steht, dafür aber in verschiedenen Listen der Art "most dangerous looking Sights": Das Hängende Kloster - Xuangkong Si. 75 Meter über Grund hängt das Kloster mit 40 Hallen, Buddhas, Mönchszellen und abenteuerlichen Gängen und Brücken über dem Talboden. Von unten aus der Warteschlange sieht das ganz hübsch aus und wir hatten etwa 3 Stunden Zeit, das Kloster aus dieser Perspektive zu besichtigen, ehe wir endlich in der Schlange so weit vorgerückt waren, dass wir auch rein konnten. Bei ca. 65'000 Besuchern pro Tag geht es gar nicht anders, als das der Zugang tröpfchenweise reguliert wird, sonst würde wahrscheinlich die ganze Konstruktion runterkrachen. Für mich war der Rundgang dann allerdings alles andere als ein Genuss, eher ein Abenteuer. Die Mönche aus der Erbauungszeit des Kloster im 6. Jahrhundert mussten sehr kleine Menschen gewesen sein, denn die Geländer zum Abgrund hin waren kaum einen Meter hoch. Für heutige Mitteleuropäer (1.70-1.90 im Durchschnitt) ganz blöd, viel zu niedrig. Bei mir machte sich das mit einer gewissen Höhenangst bemerkbar. Aber ich war nicht der Einzige mit dem Problem, was daran erkennbar war, wie die Leute sich ganz dicht an die Wandseite drängten. Manche krochen auf allen Vieren oder hielten sich ihren Sonnenhut vors Gesicht (das macht die Sache ganz bestimmt viel sicherer...). Meinem Neffen (7 Jahre), für den ich die Verantwortung übernehmen sollte, machte das alles nix aus. Wahrscheinlich war die Frage, wer hier wem Sicherheit gibt, andersrum, als ursprünglich geplant.

Wegen Überfüllung noch nicht geschlossen...
Man beachte die Höhe des Geländers (Mann mit weissem Hemd)


Warum das Kloster "hängendes Kloster" heisst, ist nun klar: es wurde in die Felswand hineingebaut. Zwar nicht ganz hängend sondern auf die Felsabsätze und auf eingetriebene Holzbalken. Einige Teile hängen dann aber doch: an Bambusstämmen, die sich deutlich sichtbar biegen, wenn oberhalb/unterhalb die Besucher durchlaufen. Aber warum wurde es gerade hier gebaut? Das hat mit dem nahen Fluss zu tun. Zu früheren Zeiten gab es häufige Überflutungen durch den nahen Fluss und der sollte wohl mit dem Gebet der Mönche besänftigt werden. Um ganz sicher zu gehen, widmete sich das Kloster gleich allen drei örtlichen Religionen: Buddhismus, Konfuzianismus und Daoismus. Alle drei Religionsstifter sind in einer der Hallen nebeneinander aufgestellt. In den 60er Jahren wurde das Problem dann auf chinesische Weise gelöst. Das Tal wurde mit einer Staumauer abgesperrt und die Überflutungen waren Geschichte. Ob der Auszug der letzten Mönche in den 70er Jahren eine Folge davon war, ist nicht überliefert.

Mit weichen Knien bin ich dann mit den anderen sicher und/aber hocherfreut über dieses Erlebnis wieder auf festem Boden angekommen.

Über Sieben Bretter musst du geh'n - in 70 Metern Höhe und fast keinem Geländer.

Keine Probleme - mein Neffe, 7 Jahre alt.

Auch Chinesen werden mal ungeduldig: am unteren Ende dieser Todesfalle
gab es eine Prügelei, bis die Polizei anrückte.

Datong - die Beton gewordene Geschichtsschreibung Chinas

Datong-Beton - das reimt sich fast. Die Stadt mit ihren 1.4 Millionen Einwohnern im Norden Chinas stand lange als Symbol für Kohle = Dreck = Smog. Dabei war sie einst ein Zentrum des alten Chinas und Hauptstadt einer Dynastie, die verschiedene Volksgruppen zu vereinigen vermochte. Im Namen ist dieses festgeschrieben: da tong - die Grosse Einheit. Lange Zeit, vor allem in der Volksrepublik, war sie gezeichnet vom Kohlebergbau und der kommunistischen Revolution. Dreck auf der Landschaft und Dreck in der Luft, der sich langsam auf die Landschaft niedersenkt. Dazu die Zerstörung der Geschichte während der Kulturrevolution und der gewachsenen Bevölkerungsstruktur während der Jahre des langsamen Aufstiegs (60er - 80er Jahre). In der letztgenannten Zeit wurden Teile der Altstadt Datongs plattgemacht für sozialistische Plattenbau-Architektur. Zudem wurde die Stadtmauer abgetragen und die Steine als Baumaterial in den Hutongs verwendet, bis von der alten Befestigung nichts mehr übrig war.
Die Rückbesinnung begann in den 2000er Jahren unter anderem mit der Wiederentdeckung der alten Kultur und der Entdeckung, dass sich damit von der aufstrebenden Mittelschicht der Chinesen unglaubliche Mengen an Geld machen lassen. Kurzum: Am Ende des ersten 2000er-Jahrzehnts kam ein neuer Bürgermeister nach Datong und da ein Flughafen schon vorhanden war, musste ein anderes Projekt her: das Altstadt-Projekt. 6 Milliarden Dollar liessen sich offenbar leicht dafür lockermachen und so begann man als erstes 2009 mit der Wiedererrichtung des Stadtmauerrings um den historischen Stadtkern. Als zweites wurde dann begonnen, ausserhalb des Rings Hochhaussiedlungen zu errichten und die ärmlichen Bewohner der traditionellen Hutongs und der Plattenbauten dorthin "abzusiedeln". Dieser und der dritte Schritt überlagern sich zur Zeit: die alte Bebauung wird vollständig entfernt und durch neue Häuser im Stil der Ming-Dynastie (14.-16. Jahrhundert) komplett neu bebaut und als Luxuswohnungen verkauft. Dazwischen ein paar Flanierstrassen mit Andenkenläden und Modeboutiquen für zahlungskräftige Kunden aus Peking und anderswoher. Daneben entstehen - innen aus Beton, aussen mit brauner "Holzfolie" beklebte Tempel, Häuser usw. von denen bei äusserer Betrachtung nicht mehr ganz klar ist, ob das Original oder Nachbau ist. Sowieso: die ganze Stadtmauer - es muss ein Milliardenprojekt gewesen sein - wurde in 3 Jahren völlig neu errichtet.
Allerdings scheinen zur Zeit die Arbeiten erstmal ins Stocken geraten zu sein. Es gibt viele Freiflächen, auf denen sich scheinbar nichts tut, es gibt furchtbar elend aussehende fast (!) verlassene Innenstadtviertel und leerstehende Plattenbauten mit schwarzen Fensterhöhlen. Und es gibt eine Stadt Datong, die einen Schuldenberg von 3 Milliarden Dollar vor sich herschiebt. Beim Schlendern über die Fake-Stadtmauer haben Ben und ich darüber spekuliert, ob das ganze jemals fertig werden wird oder auf halber Strecke steckenbleibt, also etwa in dem Status, den die Bilder zeigen. Und im Unterschied zu uns und unserem Flughafen BER, der vielleicht genauso teuer war wie die Stadtmauer, haben die Datonger eine fertige - funktionierende? - Stadtmauer...

Tempelwächter - es sind immer die gleichen Symbole.

Vorne: Hutongs vor dem Abriss.
Mitte: Plattenbauten vor dem Abriss
Hinten: Neubauten für die Bewohner von Vorne und Mitte...

Bevor wir uns am Nachmittag die "Alt"-Stadt angesehen haben, waren wir noch bei den Yungang-Grotten. Die sind Weltkulturerbe und bestehen aus in den lockeren Sandstein getriebene Höhlen für Buddha-Tempel. Grosse Buddhas, kleine Buddhas, winzige Buddhas - und alle aus dem Stein gehauen oder besser gesagt: herausgeschält: Zuerst wurden oben ein Loch geschaffen, dass wurde die Höhle herausgeschlagen und nur der Buddha blieb stehen. Die hundertausenden kleinsten Skulpturen an den Wänden, Säulen, Nischen, Stufen usw. - alle wurden sie aus dem Gestein herausgearbeitet. Und als das mal erledigt war, begannen umgehend Wind und Wetter mit dem Abtragen dessen, was die Steinmetze übriggelassen hatten: die Statuen. Nach 1'400 Jahren sehen einige nicht mehr gut aus und der natürliche Zahn der Zeit nagt an dem ganzen Rest. Daher war es vielleicht ein Ausflug zur rechten Zeit, denn so viele Buddhas bekommt mal selten an einem Platz zu sehen. Überhaupt: der ganze Ausflug nach Shanxi war eine einzige Buddha-Flut und in den 6 Tagen hier haben wir bestimmt 250'000 davon gesehen.

Deshalb und weil die Golden Week vorüber ist, werden wir morgen Mittag nach Shanghai zurückreisen und ich werde sehen, was ich mir dort noch an Aktivitäten vornehme.

Milde lächelt der Buddha auf uns fremde Besucher herab.

Und der auch.

Und noch einer. Ein wenig erinnert es an die Felsenstadt Petra.

Platte - kennt jeder Ostdeutsche noch

Und das ist ein Ausschnitt aus der neuen Stadtmauer. Wirklich: alles ist neu!


05 Oktober 2017

Tibetischer und sonstiger Buddhismus in den Bergen Nordchinas

Der gestrige 3. Oktober war praktisch ereignislos, abgesehen von der 5-stündigen Autofahrt von Pingyao nach Norden (nicht nach Süden, wie ich gestern vorher fälschlich geschrieben hatte). Vor der Abreise wagten wir uns noch einmal in das Touristengetümmel und prompt ging uns - oder besser den Eltern Ben und Friederike - ein Kind abhanden. Es ist ja auch für eine fünfjährige nicht so einfach zwischen all den dennoch grossen Chinesen... Ein Vorteil hat es aber, wenn man so ausserirdisch rotblond aussieht: wenn dann die Mutter suchend die Strasse langgeht, wissen alle Chinesen, wonach gesucht wird und zeigen in die richtige Richtung, so dass die Kleine nach ca. 5 Minuten wieder gefunden war... Einziges Abenteuer an diesem Tag.

Heute sind wir dann am Wutai Shan gewesen, ein Gebirge im Norden Chinas, früher genannt auh "Frischer Berg", was ich gestern abend noch schmerzlich gespürt habe. Bei wolkenlosem Himmel lag die Temperatur knapp über Null oder drunter und meine geniale Idee "ich kaufe mir unterwegs noch eine neue Hose. Wird ja Gelegenheiten geben" zerschlug sich schon in Pingyao, als meine Schwägerin meinte: hier findest du gar nichts in deiner Grösse. Und so war es dann auch und ich quäle mich seitdem mit einer leichten Trekkinghose herum, über die bei Anreise der Chefsteward im Flugzeug noch seinen O-Saft drüberkippte... Abenteuerurlaub eben.


In diesen frischen Bergen waren wir also heute bei freundlicherem und vor allem wärmeren Wetter als gestern. Ziel waren die buddhistischen Klosteranlagen, die zu den wichtigsten im ganzen Buddhismus gehören. Seit 2009 sind sie Weltkulturerbe und seit 2000 Jahren Pilgerort und seit noch längerem Sitz des Bodhisattva der Weisheit Manjushri. Entsprechend sind hier eine Reihe von Klöstern entstanden, die zu den ältesten Bauwerken Chinas gehören und entsprechend heute nicht nur die Gläubigen anziehen, sondern auch Heerscharen von vor allem chinesischen Touristen.
Die ganze Pracht tibetisch-buddhistischer Tempel haben wir uns also angesehen: Gebetsmühlen, Pagoden, und noch mehr Buddha-Statuen in Gold. Und das alles in einem eigentümlich-charmanten morbiden Zustand. Nichts ist so richtig kaputt, aber auch nichts so richtig heil. Das liegt sicher an den Unmengen Touristen, die durch die Anlagen streifen, aber auch daran, dass diese Klöster offenbar weiterhin in echter Benutzung sind. Das heisst: in jedem Tempel sitzt ein Mönch zum Aufpassen und Glockenschlagen. In einer Kapelle sass eine Mantra singende Gruppe mit Instrumenten (Trommeln, Becken, Tröten (sorry) usw.) und in vor praktische jedem Buddha verrichteten Gläubige ihre Gebete und legten Opfergaben nieder, die teilweise bereits auf den Altären keinen Platz mehr hatten. Nur mit Fotografieren hatten es die Mönche nicht so. Überall wurde Respekt vor der heiligen Stätte abverlangt und ein Foto war höchstens mal heimlich "aus der Hüfte" möglich. (Bei der "Musikgruppe" habe ich mir dann auch einen bösen Blick eingefangen...). Alle anderen Fotos unten sind aber sozusagen auf legale Weise entstanden.
Eines ist aber auch anzumerken: wenn man sich ein wenig mit der Religionsausübung in der Volksrepublik China befasst, darf ein kleiner Restzweifel angebracht sein bezüglich der hier zu beobachtenden Zeremonien.



Da oben waren wir auch.

Am Nachmittag waren wir dann mit den beeindruckenden Tempeln durch und überredeten unseren Mister Lü noch zu einem Ausflug auf einen gegenüberliegenden Berg mit Tempel, zu erreichen mit Sesseli-Bahn. Ganz old school: auf der Platte aufstellen und sich in den Sessel fallen lassen, Bügel runter und den Berg hochfahren. Ganz geheuer war mir die Sache nicht, aber unabhängig davon habe ich dann für den Rückweg die Pilgertreppe genommen, gemeinsam mit Herrn Lü. Die Kinder und mein Bruder und Schwägerin haben die Touristenpferde genommen...

Goldener Tempel aus Kupfer.
Tatsächlich besteht das ganze Gebäude daraus und ist aussen vergoldet

Gebetsmühlen

Die Treppe ins Tal mit über 1000 Stufen. Man kann auch das Pferd nehmen...

Werbung für unser "**** Flower Hotel" So schön sieht es aber nur auf Fotos aus.
In echt ist es etwas in die Jahre gekommen...

03 Oktober 2017

Fahrt in die Provinz... (...Shanxi)

Taiyuan wurde auch am heutigen Morgen bei unserer Abfahrt weder bunter noch heller. Wir hatte auch nicht vor, länger zu bleiben, nach dem Anreisetag sowie dem Besuch des Jinci Tempels. Neben dem Grau, von dem wir nicht ganz herausbekommen haben, ob es Nebel oder Smog gewesen ist, hielt auch der Regen von gestern noch an und begleitete uns auf der 90 Minuten langen Fahrt nach Pingyao. Genauer gesagt, legte der Regen zwischendurch eine Pause ein um uns dann mit neuer Kraft bei unserer Ankunft zu begrüssen.
Der erste Rundgang durch die jahrhunderte alte Ancient Town von Pingyao fand somit auch im Regen bzw. unter Regenjacken und Schirmen statt. Inmitten von tausenden chinesischen Touristen bahnten wir uns einen Weg durch die Gassen und zwischen den Mittagessen-Ständen hindurch. Für die Chinesen und mittlerweile auch für mich nichts ungewöhnliches mehr, dass man sich einerseits ständig irgendwo anrempelt und andererseits auch mal konsequent einen weg freimachen muss. Sonst kommt man hier nicht weiter.

Im Zentrum von Pingyao

Nach einem ersten Rundgang und einer kleinen Kaffeepause im Hostel holte uns unser Guide Mister Lü ab und wir begannen die geführte Tour durch die Stadt, beginnend bei dem Museum der ersten chinesischen Bank. Wieder durchgeschoben mit und von tausenden anderer Menschen sahen wir Schalterräume, Geldzählräume, Büros des Mittelmanagements und die Verhandlungszimmer, in denen der Chef persönlich wichtige Kunden empfing. Und das alles vor ein paar Jahrhunderten. Richtig andächtiges Museumsfeeling kam ob der vielen Menschen nicht auf. Aber wir staunten. Zum Beispiel über den Tresor im Keller und die Klos in den Büros: Deckel auf usw... Im Büro!

Der Zahlungsbeamte...

Nach der Bank kam die Stadtmauer dran, quasi eine Kleinausgabe der Grossen Mauer. Von den 6 km der rundum erhaltenen Befestigung schafften wir etwa ein Viertel, und zwar ohne Gedränge, denn hier hoch steigen die wenigsten Touristen und die Einheimischen sitzen entweder in der inneren Stadt an ihren Verkaufsständen oder pflücken in den Hinterhöfen Datteln Feigen von den Bäumen. Letzteres kann man von oben, also von der Mauer wunderbar sehen und überhaupt ist das die einzige Möglichkeit, die Hinterhofwelt von Pingyao (oder jeglicher anderer chinesischer Kleinstadt) zu sehen. Denn unten, in den Strassen sind die Türen versperrt oder man traut sich nicht, die Grundstücke zu betreten.

Inzwischen hatte sich auch der Regen verzogen und es wurde, vom grauen Himmel mal abgesehen, ein schöner Wandertag durch eine historische chinesische Stadt. Diese hat etwa 40'000 Einwohner und am Vortag, liess uns Herr Lü wissen, besuchten etwa 60'000 Touristen die Stadt. Wenn man auch für heute von dieser Zahl ausgeht, betrug die Ausländerquote 0.01 Prozent, nämlich wir sechs Besucher. Pingyao ist hauptsächlich eine innerchinesische Attraktion. Was aber nicht daran hindert, hier genau die gleichen Kitschläden zu installieren, wie überall auf der Welt. Der Unterschied ist nur: hier wird verkauft, was im Land selbst hergestellt wird. In unseren mitteleuropäischen "Andenkenläden" wird Importware aus China verkauft...

Verkauf über die Gasse: über die Schnur werden Geld und Waren ausgetauscht...


Unser Hostel ist übrigens sehr hübsch im traditionellen Stil gehalten: um einen Innenhof gruppieren sich die Zimmer, eingerichtet mit Teebank und grossem chinesischen Bett für die ganze Familie. Damit man nicht zu lange schläft, sind die Matrazen "steinhart".
Morgen geht es gegen Mittag weiter. Vorher haben wir noch einmal Zeit, die Altstadt zu durchstöbern und das gewisse Etwas einer Touristenattraktion in China zu geniessen.

Hauptstrasse von Pingyao

Traditionelles Hostel

Unser ABV. Infotafel im Stadtviertel

Ein Gebäude der chinesischen "Staatskirche"

02 Oktober 2017

Zürich - Dubai - Shanghai - Taiyuan

Nach drei Tagen Anreise bin ich - sind wir - nun in Taiyuan im Nordosten Chinas angekommen. Hier beginnt unsere 7-Tages-Rundfahrt durch die Provinz Shanxi, deren Hauptstadt Taiyuan ist. Für chinesische Verhältnis mit etwas über 4 Millionen Einwohnern recht übersichtlich. Wir, das sind: mein Bruder Benjamin, seine Familie und ich. Ausserdem haben wir einen Fahrer und einen Guide, die uns heute gleich nach Ankunft zum Junci-Tempel gefahren haben, wo wir den ersten Besichtungspunkt auf der langen Liste abhaken konnten. Leider hat es recht geregnet und wir waren müde von der Anreise. Wenn man in China einen Ausflug macht, muss man erstmal 2'000+ km überwinden... Naja, es würde auch kürzer gehen, aber Ben wollte mit der Family kurz vor der Rückkehr nach Deutschland noch eine grössere Rundreise unternehmen. Somit starten wir also richtig morgen früh und dann gibt es auch mehr Text und Fotos. Für heute soll es ausreichen. Viele Grüsse aus Shanxi!


Mit dieser etwas ältlichen 737 ging es von Shanghai Pudong nach Taiyuan

Der Wächter bewacht seinen Tempel...
Ihm zur Seite stehen drei weitere, ähnlich grimmig dreinschauende Herren