22 Mai 2024

Konfirmation in Shanghai

Am Pfingstsonntag, den 19. Mai 2024, fand nun also die Konfirmation statt, die der eigentliche Grund für diese Reise nach Shanghai war.
Man stellt sich das kommunistische China immer so durch und durch kommunistisch vor, jedoch staunt man, wie viele Christen in China trotzdem leben. Aus historischen Gründen gibt es zum Beispiel ca. 5 Millionen Katholiken allein in der offiziellen Staatskirche plus geschätzte 12 Millionen weitere, die verdeckt in Hauskirchen Gottesdienste abhalten. Und da sind wir beim Thema Religionsfreiheit in China. Offiziell ist diese seit 1949 in der Verfassung der Volksrepublik festgeschrieben, allerdings mit Zusätzen, die wir hier in Europa als «Gummiparagraphen» bezeichnen würden. Zum Beispiel ist laut Verfassung «die normale Religionsausübung» zulässig, und was das ist, liegt in der Beurteilung von Staat und Partei. Diese und viele andere Restriktionen/Repressionen haben dazu geführt, dass in China nur eine Handvoll Religionsgemeinschaften zugelassen sind, die alle die kommunistische Partei als führende Macht im Staate zu akzeptieren haben und sie müssen die «Nation lieben». Und selbstverständlich dürfen diese Gemeinschaften keiner «ausländischen Herrschaft» unterliegen (und der Vatikan ist in diesem Sinne «Ausland»). Insbesondere bei den christlichen Gemeinden wird deutlich, was von ihnen erwartet wird. Sie tragen Namen wie «Chinesische Katholisch-Patriotische Vereinigung» oder die protestantische «Drei-Selbst-Gesellschaft», der «Chinesische Christenrat» und andere, offiziell anerkannte Gemeinschaften. Sie alle sind streng auf Parteilinie, weil sie sich keine Abweichungen erlauben dürfen. Eine Religionsfreiheit im europäischen Sinne existiert nicht und jede dieser Organisationen, die das anstreben würde, verschwände innerhalb kürzester Zeit von der chinesischen Bildfläche.
Etwas anderes ist es bei der Gemeinde, in der mein Bruder mit seiner Familie ist. Das ist eine reine Ausländergemeinde, in der auch keine chinesischen Bürger Mitglieder werden dürfen, geschweige denn deren Gottesdienste besuchen dürfen. Diese finden in deutscher Sprache statt und es gibt kein eigenes Kirchengebäude. Ort der Gottesdienste wechselt von Sonntag zu Sonntag, denn es muss ein Antrag bei einer Behörde gestellt werden, und dann bekommt die Gemeinde ein Gotteshaus vom Staat zugewiesen inklusive exakt vorgegebener Nutzungsdauer. In unserem Fall war das nach einer Nachverhandlung von 13 bis 17 Uhr. Unsere Kirche am Pfingstsonntag war die vormals anglikanische «All Saints Church» am Rande der French Concession, mitten in Shanghai. Ein etwa einhundertjähriger Bau, der jetzt von einer der offiziellen Gemeinden genutzt werden kann und für den die Auslandsgemeinde für ihre eigene Nutzung selbstverständlich Miete zu zahlen hat.

 

Die All Saints Church in Shanghai

 

Und von innen


Aber es war eine schöne Konfirmation: 9 junge Leute aus den Expat-Familien wurden konfirmiert (genaugenommen wurde einer von ihnen gesegnet, da er bzw. die Eltern der orthodoxen Kirche zugehörig ist.) Der Posaunenchor musizierte, ein Dudelsackspieler aus Erlangen (in fränkischer Lederhose) spielte, eine Familie führte Bachs «Air» auf und der Kirchenchor sang. Die Leitung hatte Pfarrer Wolfgang Gern aus Darmstadt, derzeitiger Vertretungspfarrer in Shanghai. Unterstütz wurde er von Pfarrer Michael (Vorname) vom katholischen Zweig der Gemeinde und von meinem Vater, obwohl der schon seit langer Zeit im Ruhestand ist, aber einmal in Shanghai eine Konfirmandensegnung vorzunehmen, wollte er sich nicht entgehen lassen. Die Eltern hatten alles so schön vorbereitet und die kleine Gemeinde versammelte sich nach dem Gottesdienst noch zum Plausch und Umtrunk im Kirchhof, direkt unter den Wolkenkratzern und inmitten des Getümmels einer östlichen Weltstadt.
Am Abend dann gab es noch ein schönes gemeinsames Abendessen mit drei der Konfirmandenfamilien in einem österreichischen Restaurant namens «Zeitgeist». Mehrere Gänge Spezialitäten aus Shanghai, die österreichisches Flair vermitteln sollten. Allerdings fehlte dem Restaurant die Präzision eines mitteleuropäischen Unternehmens, so dass die Essensmengen nicht besonders gut verteilt waren. Macht nix, war trotzdem lecker und die Bar-Flatrate sorgte für Bier- und Aperol-Nachschub für die Erwachsenen und Kakao für die Kinder. Also, es war ein rundum gelungener Tag.
 
Fun Fact zum Schluss: ich habe oben vom katholischen Pfarrer Michael und seiner Mitwirkung beim evangelischen Konfirmationsgottesdienst geschrieben. Hier in Shanghai gibt es nicht viele Hindernisse in der Ökumene. Man muss zusammenhalten und so gibt es viele gemeinsame Aktivitäten ohne die eine solche Gemeinde es sehr viel schwieriger hätte. Von ihren Mutterkirchen werden die Gemeindezweige zwar unterstützt, jedoch es ist schwierig, daheim im fernen Deutschland diese Unterstützung zu organisieren. Zudem trifft auch hier der Fachkräftemangel die Gemeinde – jedenfalls die evangelische – denn sie suchen einen Pfarrer, aber niemand will nach Shanghai kommen. So müssen sie sich noch mit Vertretungen zufriedengeben und gelegentlich wird jemand aus Deutschland eingeflogen, der diesen Job gerne übernimmt, so wie Wolfgang Gern am Pfingstsonntag.

 

Fränkische Gürtelschnalle

Übrigens waren wir am Samstag Abend noch zum Peking-Ente essen und haben nachgeholt, was im Jahr 2016 so gründlich danebenging, nämlich genau die Peking-Ente zu essen...

 

18 Mai 2024

Reiseanflug


Irgendwann Mitte des Jahres 2023 schrieb mein Bruder in der Familien-Chatgruppe, dass die chinesische Regierung ab Herbst die Visapflicht für einige Länder versuchsweise aussetzt, unter anderem für Inhaber von deutschen Reisepässen. Somit würde touristisches Reisen bis 15 Tage Aufenthalt sehr einfach möglich sein. Und im Mai 2024 hätte Sohn Johannes Konfirmation und es wäre schön, auch wenn der Weg weit ist, wenn sich jemand von der Familie auf den Weg machen könnte. Diese Aufforderung war ziemlich genau an meinen Vater und mich gerichtet, denn einerseits waren wir bereits im Jahr 2016 zu Besuch in Shanghai und andererseits waren wir wohl die einzigen aus der Familie, die einigermassen flexibel in Bezug auf Zeit und Familie reisen könnten. Und so wurde die Entscheidung im Dezember getroffen, am 15. Mai für zwölf Tage nach Shanghai zu reisen, die Konfirmation mitzuerleben und nebenbei ein paar Tage Ferien mit dem dortigen Teil der Familie zu unternehmen. Ausser den Flugtickets war im Moment nichts weiter notwendig und es war ja auch noch etwas Zeit bis zur Abreise.

Inzwischen ist ein gutes halbes Jahr vergangen und nach den – wenigen – nötigen Vorbereitungen und Planungen sind wir am 15. Mai tatsächlich von Frankfurt nonstop nach Shanghai gestartet. Dieses Mal haben wir uns, im Gegensatz zu 2016, mit einem Flug in der Economy Class begnügt und die zwölf Stunden Flugzeit waren dementsprechend hart und eng, gingen aber trotzdem vorüber. Am Morgen des 16. Mai landeten wir pünktlich und müde in Pudong und waren etwa zwei Stunden später bei meinem Bruder zu Hause. Gebracht hat uns der Fahrer von Ben, der solche Fahrten auf Abruf erledigt und tatsächlich mit einem Schild mit unserem Namen am Flughafenausgang bereitstand.

Für den Rest des Tages gab es keine grösseren Aktivitäten mehr. Mittagessen bei einem asiatischen Italiener mit recht guter Pasta und Pizza. Dann Familienzusammenkunft, nachdem die Kinder aus der Schule kamen und schliesslich sassen wir alle zum Kaffeetrinken und später zum Abendessen am Tisch. Anschliessend ging jeder und jede noch eigenen Aktivitäten nach: Ben musste international telefonieren (China, Japan, Indien, USA…), die grossen Kinder mussten Hausaufgaben erledigen und ich liess mich von meiner jüngsten Nichte in die Geheimnisse von «Mia and me – Abenteuer in Centopia» einführen, eine Anime-Serie mit Feen, Einhörnern und fliegenden Einhörnern.

Was steht uns nun noch bevor in der relativ kurzen Zeit hier? Zunächst wird also am Pfingstsonntag, den 19. Mai, die Konfirmation stattfinden. In einer vom Staat zugewiesenen Kirche und mit anschliessendem Mittagessen in einem deutschen Restaurant. Am Pfingstmontag haben die Kinder ausnahmsweise frei, denn der Tag ist in China selbstverständlich kein Feiertag. Aber die deutsche Schule macht gewisse Ausnahmen im Einzelfall.

Wir werden vielleicht den Tag nutzen für einen Besuch im Stadtzentrum. Gleiches gilt für die darauffolgenden Tage bis Donnerstag, dann vielleicht etwas spezifischer.

Am Freitag gibt es vielleicht einen zweitätigen Ausflug mit der Bahn. Das steht noch nicht ganz fest und hängt von verschiedenen Faktoren ab. Wir werden sehen. Und am Sonntag, den 26. Mai müssen wir leider schon wieder abreisen. So schnell wird die Zeit vergehen.

Ein paar Formalitäten mussten noch erledigt werden. Zum Beispiel hatten wir uns innerhalb von 24 Stunden nach Ankunft bei der örtlichen Polizeistation anzumelden. Läuft aber heute alles via Internet...

Nachfolgend noch ein paar Handyfotos von gestern, dem Tag unserer Anreise.


Reiseanflug über Pudong

So sieht es im Wohnviertel aus: Compound für die Bessergestellten.

Canale Grande. Sieht hübsch aus, aber man kann sich die Mückenschwärme vorstellen...





19 April 2024

Good Morning Shanghai

 
Nach fünf Jahren ohne richtige Ferien - abgesehen von den weihnachtlichen Ausflügen in die USA - gibt es in diesem Jahr tatsächlich wieder eine Fernreise zum Zwecke der Erholung, für Entdeckungen, aber auch für eine Familienfeier. Nach 2016 und 2017 besuche ich im Mai meinen Bruder und dessen Familie in Shanghai. Sie sind dort nun für ihre zweite Expat-Runde und feiern die Konfirmation ihres ältesten Sohnes. Herrje, wie die Zeit vergeht: 2010 bin ich in San Francisco gewesen, da war das Kind gerade einen Monat alt, und nun Konfirmation... 

Wenn Zeit und Internet es zulassen, gibt es hier vielleicht ein paar Berichte. Unser Aufenthalt in Shanghai ist aber eher kurz. Zwölf Tage, dann gehts wieder heim.

27 September 2023

Und schon wieder...

... ist ein Jahr vergangen
... ist ein Flugticket im Mailpostfach
... ist es Zeit für einen neuen USA-Besuch

Ja, auch im 2023 werde ich die Weihnachtszeit und den Jahreswechsel bei meinen lieben Freunden in den USA verbringen. Die Familie runzelt die Stirn, die Freunde fragen, was die Familie dazu sagt... Aber es ist recht unkompliziert. Bei uns geht jede Teilfamilie zu Weihnachten ihre eigenen Wege. Und das ist auch angebracht. Der Weihnachtsstress früherer Jahre ist wirklich Vergangenheit. Niemand von Eltern und Geschwistern ist wirklich böse, wenn der oder die andere zu Weihnachten nicht vor Ort ist - wo immer das auch sein mag. Und deshalb fällt es mir leicht - abgesehen von den finanziellen Aufwendungen - nach New York zu reisen und von dort noch etwas weiter nach Connecticut. Die Familie sieht sich beim jährlichen Familientreffen, wo dann auch wirkliche alle dabei sind.

So, genug der Vorrede. Abflug ist in diesem Jahr am 19. Dezember und ich freue mich riesig auf wunderschöne 20 Tage amerikanische Weihnachtsstimmung. Es ist übrigens jetzt das 10. Mal, dass ich diese besondere Zeit dort verbringen darf - Jubiläum...!

Seid gegrüsst und bleibt gesund!

 

Ich vor dem US-Weihnachtsbaum...



01 September 2022

Juhuuuuu!

Das Jahr 2022 war und ist von eiserner Budgetstrenge geprägt. Im Januar habe ich - mit Hilfe grossartiger Freunde - die Mietkosten halbiert, indem ich durch Umzug die Wohnung gewechselt habe. Im Verlaufe dieses an Krisen nicht armen Zeitabschnitts kamen für mich dennoch der eine oder andere Geschäfts-Glücks-Fall hinzu. Somit hat sich die Budget-Situation entspannt. Nicht abschliessend, aber immerhin zufriedenstellend. Und zwar so, dass ein erneuter Weihnachtsaufenthalt in den USA bei meinen Freunden möglich wird. Bis zum Abflug dauert es noch mehr als ein Vierteljahr, aber das Flugticket ist im Mailpostfach. Und deswegen heisst es auch in diesem Jahr wieder: KEEP MOVING! 

 



01 Oktober 2021

Wieder in (Reise-)Bewegung kommen

Die Pandemie ist noch nicht ganz vorbei. Dennoch: es tut sich etwas. Neben vielen anderen Ländern öffnen die USA ihre Grenzen für Touristen. Ab November darf gereist werden, wenn auch unter Bedingungen: Test vor Abreise und - ganz wichtig - geimpft oder genesen.

Somit wurde es Zeit, mich mal wieder um mein bereits Anfang 2020 gekauftes und bezahltes Flugticket Zürich-New York zu kümmern. Und tatsächlich: Es existiert noch, bzw. die Gutschrift für den damals gestrichenen Flug. Das heisst: schnell neu buchen, bevor zu viele andere Touristen auf die gleiche gute Idee kommen. Leider bedeutet dass ausserdem, noch etwas Geld draufzulegen, denn die Preise sind jetzt schon ein Stück nach oben gegangen. Doch jetzt, wo das getan ist, steht ein neuer Termin im Kalender: Abflug am 21. Dezember 2021 und Weihnachten wieder in den USA!

Ich bin gespannt, was mich dort erwartet, wie sich Land und Leute verändert haben und wie New York City hoffentlich zurück ins Glitzerlicht gefunden hat. Knapp drei Wochen werde ich bei Freunden sein. Viel Zeit für Weihnachtsferien, Erholung, Genuss und neue Entdeckungen.

Bis dahin ist noch einiges zu tun. Trotzdem: Freude herrscht!

Weihnachtszeit am Rockefeller Center
Weihnachtszeit am Rockefeller Center


17 April 2020

Reiseplanung mit Corona



Bild: Miroslava Chrienova / Pixabay

Schon nähert sich die Sommerreisezeit, doch bereits bei dem weihnachtlichen Ausflug an die US-Ostküste dräute Böses am östlichen Horizont: Corona. Damals konnte noch niemand ahnen, in welchem Ausmass uns die Pandemie überrollen würde. Jetzt, Mitte April wissen und spüren wir es sehr viel besser.

Unvorsichtig, wie ich beim Thema "Reisen" bin, hatte ich dennoch frühzeitig ein Flugticket für den Sommer gekauft und jetzt sitze ich da und hoffe, dass ich im Juli reisen kann. Der Trip würde mich wieder an die Ostküste zu meinen Freunden in Connecticut führen. Für einen echten Road Trip reichen die Mittel dieses Jahr nicht (besser gesagt: ich will sie dafür nicht ausgeben).
Es wird sich zeigen, wohin die Krise uns steuert und wohin die mehr oder weniger weisen Menschen in der Politik steuern. Wenn Reisen ab Juli möglich sind, werde ich gehen. Wenn nicht, werde ich das Flugticket umbuchen müssen - in der Hoffnung, dass es die Fluggesellschaft zu einem späteren Zeitpunkt noch gibt.

Allen Lesern wünsche ich gute Gesundheit! Möget ihr mit frohem Mut die Krise bewältigen!

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UPDATE am 05. Juni 2020:
Nun wurde der Flug von Zürich nach New York von der Fluglinie gestrichen. Irgendwie hatte ich das schon seit längerem erwartet, denn die Lage in den USA ist ja in mehrerlei Hinsicht kompliziert. Hauptsächlich wird der Grund wohl in der Corona-Situation liegen. Mal schauen, wie es jetzt weitergeht. Vielleicht klappt es ja zu Weihnachten wieder.

Bleibt gesund!

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28 Oktober 2019

Keep Moving!


... auch zu Weihnachten...

Im September habe ich mich nach einigem Hin- und Herüberlegen entschieden, dass es doch wieder ganz gut wäre, Weihnachten und den Jahreswechsel in den USA zu verbringen. Einige hilfreiche Menschen haben mich darin bestärkt und diesen sei an dieser Stelle besonderer Dank ausgesprochen. 

Am 20. Dezember 2019 geht es los. Etwas früher in diesem Jahr, weil die Feiertage so günstig nach dem Wochenende liegen. Ausserdem bin ich ab Oktober 2019 mein eigener Herr und kann Ferien nehmen, soviel und wann ich will. Vorausgesetzt, die Kasse stimmt. Letzteres Thema wird mich in den nächsten Monaten beschäftigen. Da bin ich auf gleicher Stufe mit allen anderen werktätigen Menschen. Aber wenn ihr hier weiterhin Reiseberichte seht, ist alles in Ordnung. Daher: bleibt verbunden! Und geniesst den Herbst und die kommende Adventszeit!

23 Juni 2019

Eine kurze Geschichte des Nahverkehrs - in Connecticut

Und mehr. Denn mit diesem Beitrag möchte ich die USA-Tour abschliessen. Wie üblich verbrachte ich die letzten Tage in Connecticut bei Freunden. Dort bin ich immer gerne willkommen und ich schätze die Gastfreundschaft und die immer besseren Einblicke in das "normale" Amerika. Ein Besuch in der City blieb diesmal aus. Dafür stand die Frage an, wie die sechs Tage ansonsten zu befüllen wären. Aber ganz zu Beginn war die Anreise durchzuführen.

Grosser Bahnhof - die Haupthalle der Union Station in Washington DC.

Edle Verkaufsstände prägen den Bahnhof.
Ich rechne es mal dem Samstag-Morgen zu, dass so wenig Leute da waren.

Wie bereits erwähnt, hatte ich mich entschlossen, mit dem Amtrak-Zug von Washington hinauf bis nach Bridgeport, Connecticut zu fahren. Eine Strecke von etwa 400 Meilen. Und da ich keine Ahnung hatte, wie das praktisch funktioniert, war ich frühzeitig in Washington an der Union Station und hatte ausreichend Zeit, mir den Bahnhof anzusehen, der mir doch etwas zu überproportioniert erschien, gemessen an der Zahl der anwesenden Reisenden. Aber das ist ein bisschen unfair, wenn man den Niedergang der Personenbahn in den USA bedenkt. Zu seinen Hoch-Zeiten hatte der Bahnhof täglich ca. 200'000 Reisende durchzuschleusen. Heutzutage sind es insgesamt, d.h. alle Personen, die die integrierten Freizeit- und Vergnügungsmöglichkeiten nutzen UND die paar Hanseln, die in Züge steigen, gerade mal noch knapp 88'000 Personen pro Tag. Viel, gewiss. Aber trotzdem verläuft sich die Masse in den riesigen Hallen.
Diese übrigens stehen auch nur noch, weil man sich in den 70er Jahren entschloss, im Bahnhof ein Visitor Center für die 200-Jahr-Feier der Vereinigten Staaten einzurichten und als das wieder geschlossen wurde (1978), weil das Dach einzustürzen drohte, war die Zeit offenbar so weit, dass man den Wert solcher historischen Gebäude wieder mehr zu schätzen wusste. Sonst wäre, wie vielerorts der Abriss gekommen.
Heute befindet sich der Bahnhof im Besitz einer gemeinnützigen Organisation, die es an einen Immobilienbewirtschafter vermietet hat. Wichtigstes Business ist - wie könnte es anders sein - Essen, Trinken und Einkaufen sowie das Parkieren von Autos. Das Gebäude selbst hat es auf die Liste der Kulturdenkmäler von nationaler Bedeutung geschafft.
Ich habe mich unter die Reisenden gesellt und etwa 20 Minuten vor Abfahrt wurden die Türen von der Wartehalle zu den Bahnsteigen geöffnet. Unvermutet hatte ich einen Sitzplatz in der besseren Wagenklasse und weil ich immer darauf achte, rechtzeitig am Gate zu sein, konnte ich als einer der ersten den Zug besteigen und hatte noch relativ freie Wahl (der Zug kam aus Norfolk und war schon etwa halb voll belegt). Ein Fensterplatz an der Sonnenseite - was will man mehr. Der Zug fliegt übers Land, durch berühmte Städte hindurch wie etwa Baltimore und Philadelphia, schliesslich auch durch die Pennsylvania Station in New York City; am Ende meiner Reise kommt er in Bridgeport, Connecticut an (und fährt dann noch bis nach Boston weiter). Und das alles pünktlich, und zwar an jeder der 20 Stationen. So kann Bahnfahren auch gehen und so macht es auch wirklich Spass.

Vor mir lagen dann 6 volle Tage in Connecticut, die ich (ich hatte mich inzwischen entschieden...) mit nichts anderem zu füllen gedachte, als mit Rumfaulen - Ferien in den Ferien sozusagen.
Einigen Sehenswürdigkeiten haben wir, das heisst ich und mein Freund Mark (seine Frau musste arbeiten), dann doch unsere Aufwartung gemacht. Das State Capitol von Connecticut in Hartford ergänzte meine persönliche Capitol-Besuchsliste und ermöglichte mir nun endlich, ein solches in Betrieb zu erleben. Es war nämlich gerade die jährliche Sitzungswoche von Senat und Repräsentantenhaus und im Gebäude wuselte es wie in einem Bienenstock: Politiker, Beamte, Assistenten, Schulklassen und - mittendrin - Demonstranten, die bis vor die Türen der Sitzungssäle ihre Transparente aufspannen konnten. Es wurde an dem Tag über eine Maut für ganz Connecticut abgestimmt.

Connecticut State Capitol

Blick in das Abgeordnetenhaus (Mittagspause)

Einer der Volkshelden aus dem Befreiungskrieg: Nathan Hale.

Ein anderes Erlebnis war der Besuch des Shore Line Trolley Museums und damit komme ich zum Nahverkehr. Was ich nämlich bis dahin nicht wusste: die ganze Küstenregion des Staates war bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts durchzogen von Tramgleisen und etliche Bahnunternehmen bedienten die Strecken zwischen den Wohngebieten und den Industrieanlagen, denn Connecticut war einer der wichtigsten Produktionsstandorte in den USA. Vor allem die Rüstungsindustrie in den Kriegsjahren beschäftigte Heerscharen von Menschen. Vom öffentlichen Nahverkehr ist fast nichts übrig geblieben. Das Tramsystem wurde in den 40er und 50er Jahren stillgelegt während der Staat industriell geprägt blieb.* Connecticut ist bis heute einer der reichsten Bundesstaaten, gemessen am Bruttoinlandsprodukt und steht bezüglich Bildung und Lebensstandard mit an der Spitze der USA.
Vielleicht deswegen ist vom Trolley-System wenigstens ein Museum übriggeblieben: Man kauft einen Fahrschein am Schalter (= Eintrittskarte), ein Schaffner knipst den ab und der Tramfahrer fährt den Besucher sodann mit einem uralten (!) Strassenbahnwagen durch eine Sumpf- und Seenlandschaft zum Tramdepot, wo noch mehr Rollmaterial herumsteht. Teils wunderschön herausgeputzt, teils schlummernd auf die Sanierung wartend. Einfach herrlich. Ein verborgenes Kleinod vor der Haustür, welches ich erst jetzt, nach nunmehr 16 Besuchen in den USA, entdeckt habe.

Tramwagen der Museumsbahn

Eine Lokomotive

Handarbeit old school

Tramwagen ca. 1910.
Die Sitzlehnen lassen sich umklappen, damit jeder immer vorwärts fahren kann.

Tramfahren, Austern essen in Rhode Island, ein Atom-Uboot besuchen, amerikanisch frühstücken, Grillabend, den Bronx Zoo besuchen, Fernsehen, Chillen... so lässt sich die Woche zusammenfassen, an deren Ende ich mich - wehmütig - auf den Heimweg begeben musste.

Swiss flog unerbittlich pünktlich von New York ab und landete ebenso verzögerungsfrei am Morgen des Pfingstsonntages in Zürich und nur allzu gerne würde ich dem Wunsch des Kabinenpersonals nachkommen: "Wir würden uns freuen, Sie bald wieder an Bord eines unserer Flugzeuge begrüssen zu dürfen"... hach.


"Vorne oben 10, hinten oben 5"... wer kennt es nicht...

Frische Austern.

Es ist unglaublich, was man alles trinken kann.
Bloody Mary mit Schrimp und Auster... nicht(s) für mich.

Chillen vor dem Fernseher...


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* Ergänzung:

Als Reaktion auf diese Beschreibung gingen mir ein paar Kommentare über das mangelhafte Nahverkehrssystem in Connecticut zu. Das stimmt auch: wie überall in den USA ist der ÖPNV nur unzureichend entwickelt - oder besser gesagt: die früher durchaus vorhandene Infrastruktur wurde teilweise heruntergewirtschaftet, teilweise kaputt-lobbyiert. Was heute an Massentransitsystemen vorhanden ist, beschränkt sich zumeist auf die mittelgrossen Städte als Buslinien und in den Metropolen gibt es U-Bahn, S-Bahn, Stadtbusse und manchmal auch Strassenbahn. Für Fernverbindungen gibt es Busnetze (zB. Greyhound), die die Regionen miteinander verbinden.
Wer aber mal kurz aufs Land fahren will kommt ohne eigenen Pkw nicht gut oder gar nicht voran. Und anstelle von Tramgleisen schlängeln sich heute durch New Haven (der Stadt mit dem Trolley Museum) ewig verstopfte Highways. Das ist leider Teil des American Way of Life...

15 Juni 2019

Archivschläfer aufwecken

Liebe Leute
Ich bin seit dem Pfingstsonntag zurück aus den USA und es war - einmal mehr - eine wunderbare Tour. Entlang der geschichtsträchtigen Ostküste, mit viel gutem Wetter, Craft Beer, Freunden und unbekannten und sehr bekannten Orten. Ein Blogartikel über die letzte Station in Connecticut fehlt noch, der soll aber bald folgen.
Viel Dank sei allen Lesern hier ausgesprochen. Wer Lust und Fernweh bekommen hat und gerne selbst mal auf einen Road Trip gehen möchte, kann mich gerne ansprechen.

Der Biergarten in Atlanta

New Anthem (NA) - Craft Beer in Wilmington plus tip

Beim Nachstöbern im Blogarchiv habe ich noch zwei unfertige Artikel aus früheren Jahren gefunden, die ich nun fertiggestellt und an zeitlich richtiger Stelle einsortiert haben. Diese kommen hier nochmal als Link:

Über meinen Besuch in Texas im Jahr 2012
Damals besuchte ich Austin, die Hauptstadt des Bundesstaates sowie später den Ferienort Galveston am Meer und die Grossstadt Houston.

Und über meinen (zweiten) Besuch im wunderbaren Salt Lake City im Jahr 2014
In Salt Lake City haben mich die Mormonen beeindruckt, obwohl all ihre Missionsbemühungen bei mir vergebens waren. Dennoch bleibt mir die Grosse Stadt am Salzsee in liebenswerter Erinnerung.




03 Juni 2019

Die Stadt im Sumpf

"Hier ist der Ort!" So ungefähr muss man es sich vorstellen: Präsident George Washington stemmt seinen Gehstock in den Boden eines Sumpfes und bestimmt die Stelle als Mittelpunkt eines 10 auf 10 Meilen grossen "District of Columbia", der die Hauptstadt werden soll.
Denn schliesslich heisst es in Artikel 1, Absatz 8 der Verfassung der Vereinigten Staaten:

Der Kongress hat das Recht
...
die ausschließliche und uneingeschränkte Gesetzgebung für jenes Gebiet (das nicht größer als zehn Quadratmeilen sein soll) auszuüben, das durch Abtretung seitens einzelner Staaten und Annahme seitens des Kongresses zum Sitz der Regierung der Vereinigten Staaten ausersehen wird, ...

Etwas kompliziert ausgedrückt, aber das ist bis heute - etwas verkleinert - der "District of Columbia".

Und wenn der Präsident sagt: "So wird es gemacht!", dann wird es so gemacht.

Unverzüglich werden Architekten und Stadtplaner angestellt, die eine Planstadt entwerfen, einen Grundriss mit Parlamentsgebäude, einem Regierungssitz, einem Gerichtshaus und die eine aller Welt Grösse zeigende "National Mall" enthalten soll. Und die später den Namen ihres Gründers erhält: Washington, District of Columbia.

Wie es so ist bei Grossprojekten, verirrt man sich erstmal in den Entwurfsplanungen und entlässt die Architekten. Dann genügen die Pläne nicht, es muss baubegleitend neu geplant werden. Dann kommt ein Krieg und alles wird niedergebrannt und man muss von vorne beginnen. Und schliesslich hat man etwas, was ständig nicht fertig ist und ständig angepasst wird. Bestes Beispiel dafür ist das US Capitol, das Parlamentsgebäude. In seiner heutigen Form wurde es erst im 20. Jahrhundert vollendet und bis heute wird daran herumgebastelt. Etwa am Visitor Center für eine halbe Milliarde Dollar. Mit Kino, Besucherbetreuung, einem zusätzlichen Parlamentssaal und allen technischen Raffinessen, die das Jahr 2005 (Zeitpunkt der geplanten Fertigstellung; tatsächlich 2008) zu bieten hatte.

The White House
Bessere Zeiten: 2013 konnte man noch durch die Gitterstäbe fotografieren...

Supreme Court - Das Oberste Gericht der USA

United States Capitol

Das Eisenhower Executive Office Building.
Die "grösste Ungeheuerlichkeit Amerikas" (Harry S. Truman)

The White House - Südseite

Vielleicht wegen dieser mehr oder weniger vorhersehbaren Umstände wollten die Gründerväter die Herrschaft über ihre Hauptstadt gerne für sich behalten. Deshalb hatten und haben Kongress und Präsident bis heute bestimmte Hoheitsrechte über die Stadt und die Einwohner haben bestimmte Bürgerrechte nicht. Sie dürfen zwar ihren Präsidenten mitwählen, aber ansonsten gilt die Parole, die auf allen Autokennzeichen vermerkt ist: "Taxation without Representation" - Besteuerung ohne Volksvertretung. Ein gelungener Rückgriff wiederum auf den Anspruch der Gründerväter....

Am 29. Mai traf ich also dort ein, in der Hauptstadt der Weltpolitik und bei Freunden, die mich herzlich aufgenommen und untergebracht haben. Das ist sowieso die schönste Art, in der Welt unterwegs zu sein: bei Leuten wie du und ich. Katja und Martin und ihre Familie, 2018 aus Deutschland hierher gekommen, sind jetzt sozusagen meine Schlummereltern und Stützpunkt für drei Tage in Washington.

10 auf 10 Meilen können insgesamt allerdings sehr gross sein. Auch wenn das Gebiet westlich des Potomac River Mitte des 19. Jahrhunderts aufrund mangelhafter Vergrösserung der Hauptstadt an Virginia zurückgegeben wurde, und D.C. nunmehr nur noch das Gebiet östlich des Flusses umfasst, ist die Fläche, auf welcher sich Sehenswürdigkeiten ansammeln lassen, sehr gross und vor allem weitläufig. Deshalb heisst es für mich wiederum: Konzentration auf das Wesentliche bzw. auf einige ausgewählte Orte. Da ich im Jahr 2013 bereits einmal hier war, konnte ich mal gleich ein paar Sachen ausschliessen, aber man kommt nicht drum herum: einige Punkte muss man einfach zweifach gesehen haben, wenn man schonmal da ist.

Nach Abgabe meiner Sachen im Büro von Katja ging es gleich zu Fuss los. Ihre Kirchengemeinde liegt ungemein günstig inmitten des Stadtteils Foggy Bottom - Neblige Senke. Wegen der Kohleöfen, die hier vor hundert Jahren das Klima bestimmten. Den ursprünglichen Stadtteil gibt es eigentlich nicht mehr. Die alte Architektur musste Regierungs- und Bürobauten weichen. Gleich um die Ecke: der grösste Kasten von allen, der des State Departments (Aussenministerium), welches umgangssprachlich den Namen des Stadtteils Foggy Bottom übernommen hat. Warum wohl???

Nur ein Katzensprung Richtung Osten liegt das White House, eine schöne Stadtvilla inmitten eines Hochsicherheitsbereiches. Rund um das Haus ist praktisch alles mit Zäunen zugestellt und das, was noch frei ist, wird von den Autos der Regierungsangestellten zugeparkt. Vom Honda Civic bis zum Chevrolet Suburban ist hier alles dabei.
Politik hin oder her - Sicherheitsmassnahmen hin oder her: es ist trotzdem ein ganz schöner Platz und es ist auch ganz nett, (wieder) einmal an dem Ort zu sein, der oftmals in den Nachrichten gezeigt wird.

Wie für alles (ausser Militär), hatte der Kongress auch für den Sitz der Regierung die Mittel kurz gehalten, so dass im Laufe der Jahrzehnte die schöne Villa mehr und mehr in sich und vor allem im Inneren zusammenfiel. Erst in den 40er Jahren erfolgte eine grundlegende Sanierung und das Gebäude, welches wir heute sehen, hat praktisch bis auf die Aussenfassade nichts Historisches mehr in sich. Aber das äussere Erscheinungsbild ist ja das, was zählt.

Wie immer nehmen auch heute einige Leute ihre Rechte aus dem 1. Zusatzartikel der US-Verfassung wahr: direkt vor dem Weissen Haus hat sich eine Gruppe lautstarker Demonstranten versammelt, daneben einige Einzelpersonen, die mit Lautsprechern die Pennsylvania Avenue beschallen sowie einige, die nur ihre Plakate hochhalten und Traktate verteilen.

Touristen, Demonstranten und Schüler-Ausflügler mischen sich.



Nach dem White House und einem etwas späten Mittagessen drang bei mir die Erkenntnis durch, dass die allermeisten Museen der Stadt gegen 17 Uhr schliessen und es bereits ca. 16 Uhr war, also zu spät.

Für den Rest des Tages bin ich dann nach Arlington rausgefahren - mit der U-Bahn - und habe den grossen National Cemetery angeschaut. Die Wachablösung am Grab des unbekannten Soldaten - im Sommer halbstündlich - zieht jedes Mal etwa 250 bis 300 Leute an, die dann plötzlich 15 Minuten lang ganz still sitzen können und kein Wort zu reden wagen. Es ist aber auch nicht besonders angenehm und vor allem peinlich, vor all diesen Leuten von Soldaten angeschrieen zu werden. Das passiert nämlich, wenn man sich nicht an die Anweisung hält und respektlos laut redet...

Am Abend ging es dann erstmal raus nach Potomac, einer Stadt in Suburbia. So heisst hier alles, was den reichen Speckgürtel um die Superstädte darstellt: grosse Autos, grosse Häuser, grüner Rasen. Und de facto kennt man die Nachbarn nicht wirklich. Katja und Martin wohnen im Pfarrhaus und unterscheiden sich diesbezüglich von all den unsichtbaren Nachbarn, die nur ab und zu mal ausserhalb ihrer Eigentumshäuser zu sehen sind, wenn sie ihre Hunde oder ihre Riesenautos ausführen...
Schön ist es allemal und dankbar für die Zeit bin ich auf jeden Fall. Von hier aus in die Stadt sind es knappe 30 Minuten mit der Metro und ein bisschen Familienanschluss nach zwei Wochen Roadtrip ist auch super.

Was ist nun also noch geschehen in den restlichen zwei Tagen? Ich habe mich für Museumsbesuche entschieden - schön klimatisiert und je nach Interessenslage informativ.
Eines davon ist das Spy Museum. Ein privat betriebenes Museum über alle möglichen Aspekte des Spionagegeschäftes in der Zeit des Kalten Krieges, davor und danach. Stilecht wird der Besucher selbst zum Agenten: er bekommt einen Decknamen, eine Mission, einige Aufgaben und eine Umhängekarte. Dann gibt es ein Briefing und los geht es durch die wundersame Welt von Spionen, Verrätern, Toten Briefkästen, Geheimtinten, Fotoapparaten in Kugelschreibern, Agentenaustausch auf der Glienicker Brücke und vieles mehr, was sich so im Verborgenen abspielen könnte oder tatsächlich abspielt.
Die DDR-Stasi-Abteilung im Museum erhält erstaunlicherweise dabei ein besonderes Gewicht, was mich ja wieder in meiner Vermutung bestätigt, dass dieser Geheimdienst (bzw. nur die HVA und Markus Wolf) ein ganz besonderes Ansehen geniessen, man es aber nicht so ausdrücken darf...
Man kommt übrigens aus dem Museum auch ohne erfolgreichen Abschluss der Mission wieder heraus. Ich persönlich hatte keine Lust, irgendwelche Arbeit für einen fremden Dienst zu erledigen, aber die meisten Besucher fanden das toll und vor allem die Kinder waren mit Eifer dabei.

Spy Museum

Von der Stasi direkt ins Spy Museum: die "Strasse der Besten"

Gadgets des Spion-Geschäfts



Der nächste Vormittag war dem Newseum gewidmet. Ebenfalls ein Museum im Besitz einer privaten Stiftung, widmet es sich den 5 grundsätzlichen Bürgerrechten aus dem 1. Zusatzartikel der US-Verfassung und insbesondere der Pressefreiheit, um die es derzeit nicht gut bestellt ist. Das ist auch im Newseum angekommen und entsprechend wird in der Ausstellung darum geworben, den Wert und die Bedeutung der Grundrechte zu erkennen und sie zu schützen. Das Haus war recht gut besucht, aber ach: um das allgemeine Interesse steht es schlecht. Kürzlich musste die Stiftung das Gebäude an der Pennsylvania Avenue aufgrund schlechter Finanzzahlen verkaufen und die Zukunft des Museums - wie auch die der Bürgerrechte - ist mehr als ungewiss.

Was sind nun die 5 Grundrechte aus dem 1. Zusatzartikel? Ich lag beim Quiz im Museum auch daneben. Die Bill of Rights umfasst auch noch mehr (zB. das unfassbare Recht auf Waffenbesitz im 2. Zusatzartikel), doch die fünf wichtigsten sind
  • Religionsfreiheit
  • Meinungsfreiheit
  • Pressefreiheit
  • Versammlungsfreiheit
  • Recht auf Petition
Es ist im Text der Verfassung alles komplizierter formuliert und wie es im Laufe der Jahrhunderte um die tatsächliche Umsetzung stand, mag jeder selbst recherchieren. Verfassungsrecht ist eben immer irgendwie eine idealistische Angelegenheit und die Interpretation dessen, was sich die Gründerväter mal gedacht haben könnten, ändert sich  von Jahrzehnt zu Jahrzehnt.

Newseum

Was gibt es über drei Tage US-Hauptstadt noch zu sagen? Mindestens, dass ich alles in allem sehr froh über meinen Besuch dort bin und sehr dankbar, dass ich bei Freunden unterkommen konnte. Etwa 38 Kilometer Pflaster habe ich in den drei Tagen getreten, aber wer gerne fährt (und das tue ich auch), dem sei entweder die U-Bahn angeraten oder der DC Circulator: Sozialismus in der US-Hauptstadt: kostenlos fährt man mit dem Bus auf drei Linien um die National Mall herum, hinaus in das pittoreske Georgetown, diesem hippen Stadtteil mit Universität, der von der ganz ursprünglichen Stadt noch übriggeblieben ist, oder anderswo hin. Und wenn man gar keine Lust mehr auf Sightseeing hat, fährt man raus nach Suburbia und macht einen Grillabend - nochmals herzlichen Dank Euch in Potomac!

Das Lincoln Memorial...

... aber Abe Lincoln sagt immer noch nichts.

Metro

National Mall

Georgetown

Georgetown

Samstag, am 1. Juni war Abreise angesagt. Und diesmal ging es nicht mit dem Flugzeug oder dem Auto auf die letzte Etappe, sondern, in Erfüllung eines langen Wunsches, mit dem Amtrak-Zug 400 Meilen hinauf nach Connecticut bis praktisch vor die Haustür meiner Freunde. Fünf Stunden Bahnfahrt und die Ankunft an jeder Station war auf die Minute pünktlich. So macht Bahnfahren wirklich Freude.

Washington Union Station - Grosser Bahnhof


30 Mai 2019

Auf der Suche nach der Stadt

Wo war ich eigentlich stehen geblieben mit den Reisereporten? Stimmt, bei den fliegenden Gebrüdern Wright auf den Outer Banks.

Inzwischen ist wieder Zeit - und auch Wegstrecke - vergangen. Nach dem Besuch bei den Wrights führte die Strecke hinauf nach Hampton, einer Stadt in Virginia, an den sogenannten Hampton Roads. Diese sind, wie der Name wenig vermuten lässt, eine Wasserstrasse, bestehend aus mehreren grossen Flüssen, die sich hier versammeln und in den Atlantik münden. Die Wasserstrasse ist sowohl wirtschaftlich als auch politisch-militärisch-strategisch von grösster Bedeutung. Nicht umsonst befindet sich ganz in der Nähe in Norfolk das Hauptquartier der US-Atlantikflotte; der grösste Marinestützpunkt der Welt ist. Praktisch die ganze Stadt Norfolk hängt am Militär, das überhaupt im ganzen Land eine seltsam unwirkliche Präsenz hat. Alles ist irgendwie militarisiert und auch, wenn es manchmal gerade nicht danach aussieht, lugt plötzlich wieder etwas davon hervor, ob im Kindermuseum, im Andenkenladen, im Hotel... man kommt nicht daran vorbei.
Norfolk habe ich nicht direkt besucht, nur auf der Interstate gestreift. Dennoch war der Marinestützpunkt auf der anderen Seite der Bucht zu sehen. Drei Flugzeugträger waren gerade da und in der Schiffswerft im benachbarten Newport News lag ein weiterer.
Man hätte den Marinestützpunkt auch als Tourist besuchen können: Pass vorweisen, in einen Bus einsteigen und eine Rundfahrt machen. Aber aus diesen Ferien bin ich momentan herausgewachsen.

Stattdessen gab es eine Übernachtung in Hampton und für den nächsten Tag stand die Fahrt nach Richmond, der Hauptstadt Virginias auf dem Programm. Weil die Strassenetappe nicht so lang war, bot sich ein weiteres Zwischenziel an. Ich fand dieses in Form des Keystone-Traktormuseum in Petersburg. In zwei Werkhallen, 1,5 mal so gross wie ein Fussballfeld, findet sich alles, was der old-school-Bauer als Zugmaschine so brauchen konnte. Schön, wie einfach die Dinge früher waren: viel mehr als einen Schlüssel und einen Lenker und ein- zwei Hebel brauchte es Mitte des vorigen Jahrhunderts nicht. Später kam ein Getriebe, eine Zapfwelle, eine Dreipunktaufhängung und eine Unmenge an Rundinstrumenten im Cockpit hinzu - der Beruf des Hightech-Farmers hat einen langen Weg hinter sich...
Einige der Trecker sind stolze Träger von Preisen von irgendwelchen Liebhabertreffen und ich nehme an, dass viele der Exemplare hier noch funktionieren. Jedenfalls: die Zündschlüssel steckten im Schloss. Schade, dass im Museum der Sound der Motoren nicht "mitkommt".

Die gute alte Zeit...

Da war das Farmerleben noch einfach.

Später kamen all diese Rundinstrumente... und vor allem diese Gangschaltung...

Multifunktional: tagsüber auf dem Acker, abends ins Städtchen.

Ford Thunderbird

Truck-Parade

Nach den Treckern kam Richmond, die Hauptstadt von Virginia. Und wenn die Trecker im Museum im Winterschlaf waren, so muss man leider feststellen, dass Richmond mit seinen immerhin knapp über 220 Tausend Einwohnern ziemlich gestorben war. Vielleicht lag es am bevorstehenden Feiertag, vielleicht aber auch an der typisch amerikanischen Ödnis einer Downtown, zumal an einem sehr warmen Frühsommertag. Bereits am Sonntag Abend, also vor dem Memorial-Day-Feiertag musste ich feststellen, dass einige der Kneipen, Gaststätten, Lokale im Umfeld des Hotels geschlossen hatten und von diesen einige auch nie wieder aufmachen würden. Am Montag dann begab ich mich auf den Weg in die Stadt. Hier das gleiche Bild: ausgestorbene Strassen, abgeschlossene Kirchentüren, geschlossene Cafés und Restaurants. Nur auf der Monument Avenue, immerhin ein Landesdenkmal ob seiner Prachtvillen rechts und links, kam gelegentlich mal ein Auto oder ein Jogger vorbei. Also entweder sind die Leute alle wegen des Memorial Day raus ins Grüne, an den Beach oder sie haben bis in die Puppen ausgeschlafen oder es ist hier jeden Tag so still. Keine Ahnung. Immerhin: im Virginia Science Museum herrschte etwas Betrieb. Eigentlich ist es kein Museum, sondern ein wissenschaftlich untermalter Vergnügungspark, hauptsächlich für Kinder. Anhand einfacher Erklärungen, Bilder und Experimente zum Selber Ausprobieren werden die Geheimnisse der Welt erklärt. Nicht schlecht gemacht, das Ganze. Einfach, verständlich, aber eben doch eher in der Art eines Vergnügungsparks als eines Museums. So ähnlich, wie das Aquarium in Atlanta.

Südstaatenarchitektur



Robert E. Lee, legendärer Südstaatengeneral

Auf dem Rückweg zum Hotel, wie auch auf dem Hinweg bereits, kommt man am Denkmal für den Südstaaten-General Robert E. Lee vorbei. Vielleicht mag sich der eine oder die andere daran erinnern, wie heiss die Debatte um die Konföderierten-Flagge vor einiger Zeit geführt wurde. Hier, im Süden, stehen, abgesehen von den Flaggen, die Helden des Sezessions-Krieges ganz selbstverständlich auf den Podesten. Robert E. Lee geniesst dabei einen besonderen Verehrungs-status und für ihn wird gleiches Recht wie für Abraham Lincoln eingefordert, der als US-Präsident die USA und während des Bürgerkrieges, die Nordstaaten geführt hat. Einen Block weiter oben steht des Denkmal für Jefferson Davis, den ersten und einzigen Präsidenten des Südens, der dieses Staatengebilde führte, das nie von einer ausländischen Macht anerkannt war und hier in Richmond sein Weisses Haus hatte. nur wenig mehr als hundert Meilen von der US-Hauptstadt Washington entfernt. Aber warum nur das alles? Und warum besteht die Teilung faktisch bis heute? Die Historie ist lang und kompliziert. In der Schule haben wir gelernt, dass es um die Sklaverei ging, die der Norden ablehnte und der Süden nicht. Der Hintergrund: für seine personalintensive Plantagen-Wirtschaft und damit seinem Wohlstand benötigte das Land viele und billige Arbeiter Doch ganz so einfach war es nicht. Die Bevölkerung des Nordens wuchs stark an, eine Mittelschicht und eine Arbeiterschicht entstand, die von einem guten Schulsystem gut ausgebildet wurde. Im Süden hingegen blieb alles beim Alten: eine kleine, reiche Oberschicht besass die Plantagen und liess die Sklaven schuften, die keinerlei Rechte besassen. Mit Abraham Lincoln kam nun erstmals ein US-Präsident ganz ohne Unterstützung des Südens ins Amt. Damit und mit der Frage, wie künftig in den zu erwartenden Beitrittsstaaten verfahren werden soll, begannen die Zwistigkeiten zwischen Nord und Süd. Und trotz Krieg, Sezession und Reconstruction unterscheiden sich die Kulturen von Nord und Süd in den USA bis heute ganz grundsätzlich. Essen, Gewohnheiten, Politik, Sprache...

Sehenswert in Richmond ist auf jeden Fall auch noch das Capitol von Virginia. Wie in den meisten anderen Bundesstaaten ist es auch hier ein repräsentatives Gebäude (auf einem Hügel), streng unterteilt in Abgeordnetenhaus (House of Representatives) und Senat. Das Gebäude wurde vor nicht all zu langer Zeit einer Komplett-Über-Sanierung unterzogen, deshalb wirkt es im Inneren leicht un-alt. Ein Besuch lohnt sich aber allemal, zumal die älteren Herrschaften an der Eingangskontrolle ihren Job mit einer beruhigend-südstaatlichen Gelassenheit verrichten. Rucksack scannen? Ja, natürlich. Aber bitte keinen Stress bei der Wärme da draussen...

Virginia State Capitol

Sitzungssaal des Senats

George Washington in der Rotunde

Der Nachbarbundesstaat Maryland gehört eigentlich auch zu den Südstaaten, konnte im Bürgerkrieg aber nicht überzeugt werden, die Seiten zu wechseln. Seine Geschichte reicht, wie die an der ganzen Ostküste weit zurück und die Städte und ihre Häuser zeugen sehr schön davon. Maryland berührt den Ostküsten-Reisenden auf jeden Fall auf die eine oder andere Weise. Nach meinem Aufenthalt in Richmond wollte ich unbedingt noch ein weiteres State Capitol meiner Liste hinzufügen. Also ging es am Memorial Day nach Annapolis, der kleinen, hübschen Hauptstadt. Sie besteht aus Bachsteinhäusern, einem Backstein-Capitol und gepflasterten Strassen. Im State House, wie es hier heisst, verfolgt einen auch wieder die Geschichte, diesmal die aus der Zeit der Anfänge und Gründerväter. Annapolis war einst die Hauptstadt der Vereinigten Staaten. Das Ende des Unabhängigkeitskrieges gegen England wurde hier besiegelt und im State House überreichte George Washington anschliessend sein Rücktrittsgesuch als General, um wieder Zivilbürger zu werden. Später wurde er der erste Präsident des Landes und ein anfangs 10 mal 10 Meilen grosses Sumpfgebiet trug und trägt bis heute seinen Namen...

Maryland State House

George Washington übergibt seine Rücktrittserklärung als General.
Später wird er Präsident der Vereinigten Staaten.

Abgeordnetenhaus von Maryland

Ehemaliges Schatzamt...
Dieses Gebiet ist mein nächstes Ziel: die Hauptstadt Washington im District of Columbia.

Noch ein paar Eindrücke von der Suche nach der Stadt:

Stadt 1

Stadt 2